Zwei Tage zu Besuch bei den Adventisten in Friedensau/DDR

Von Karl Hermann

Deutlicher könnte der Gegensatz nicht sein. Mitten im anderen Teil Deutschlands, in der allergrößten Abgeschiedenheit prangt eine wahrhaft universale Botschaft in ziegelroten Lettern von einer Hauswand: „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker!“

Scheinbar nichts Ungewöhnliches in einem Land, in dem politische Parolen zum normalen Bild gehören. Doch der grenzüberschreitende Imperativ stammt nicht aus der Feder eines sozialistischen Texterkollektivs, sondern von Matthäus, Kapitel 19, Vers 28. Vor gut achtzig Jahren fand der Bibelspruch seinen Weg an diesen Ort, der einsam, aber nicht gottverlassen war.

„Sie wollen also unsere Adventisten besuchen?“ fragt mich der freundliche Herr aus dem Außenministerium der DDR. – Unsere Adventisten? Genausogut hätte ich auch von meinen Adventisten sprechen können. Denn ich kenne Friedensau, seit ich dort als Kind mit meinen Eltern regelmäßig den Urlaub verlebt habe.

Die Gemeinschaft der „Siebenten-Tags-Adventisten“ gründete hier um die Jahrhundertwende ein Missionsseminar. Generationen von Predigern folgten dem Matthäus-Text und gingen dabei vor allem in einen Teil der Welt: nach Afrika. Sie bauten Schulen, Krankenhäuser und Gemeindezentren. Sie lehrten und verkündeten die „Frohbotschaft“: die Erlösung des Menschen durch Christus, den Gekreuzigten. Inzwischen ist die Saat aufgegangen und ein Teil der Ernte eingebracht. Aus Afrika kommen heute die Kinder der Bekehrten. Jugendliche aus den sozialistischen Ländern Angola und Moçambique studieren gemeinsam mit jungen „Brüdern“ aus der DDR die „Heilige Schrift“ auf dem Friedensauer Seminar. Mit alttestamentarischer Strenge halten sie den Sabbat als Feiertag und widerstehen den weltlichen Versuchungen in Form von Tabak, Alkohol und frivoler Vergnügung.

Meine eigenen Widerstandskräfte waren nie so stark gewesen, daß aus mir ein Adventist wurde. Doch Friedensau blieb für mich ein Ort voller Erinnerungen. Mein Großvater war hier Lehrer für Bibelkunde und Homiletik. Schriftstellerische Neigungen sicherten ihm auch nach seinem Tod ein respektvolles Ansehen. Auf einem stillen Waldfriedhof liegt er begraben, gemeinsam mit Friedensauer Pionieren, Missionsschwestern und Bibellehrern. Gelegentliche Besuche auf dem Friedhof und Achtung vor der Vergangenheit, das ist heute alles, was mich mit den Adventisten verbindet.