Die Nachricht ist kaum zu fassen: Seit Jahren hat die Internationale Atomenergie Organisation (IAEO) in Wien Informationen darüber, daß sich die Menschheit offenbar mehrfach am Rande einer Nuklearkatastrophe befand. Obwohl die IAEO von schweren Atomstörfallen wußte, schwieg sie beharrlich. Sie zieht sich auf den Standpunkt zurück, es sei nicht ihre Pflicht, die Öffentlichkeit zu informieren. Formal mag die Behörde recht haben – Störfälle sind von den Ländern zu melden, in denen sie sich ereignen. Aber weil sie weiß, wie ungern Nuklearstörfälle öffentlich zugegeben werden, hätte sie die Pflicht, Alarm zu schlagen.

Wer noch die hehren Reden im Ohr hat, die auf der Tschernobyl-Sonderkonferenz im vergangenen Jahr über die „moralische Verantwortbarkeit“ der Kernenergie gehalten wurden, muß fragen, wie es eigentlich um die moralische Verantwortung einer Behörde steht, die Beinahe-Katastrophen erfährt und dennoch schweigt. Damit hat die IAEO den wiederholt geäußerten Verdacht genährt, sie sei nur der verlängerte Arm der internationalen Atomlobby. hff.