Verena Krieger

Von Irene Mayer-List

Schon am Telephon klagt die jüngste deutsche Abgeordnete: Die letzten Wochen hätten sie „total geschafft“. Nein, nicht der Umzug in ihr neues Büro bei der Fraktion der Grünen in Bonn, auch nicht die Debatten im halbleeren Bundestag. Was sie wirklich fertig gemacht habe, meint Verena Krieger, seien die Kämpfe und Intrigen in ihrer eigenen Fraktion: Realos gegen Fundis, alte Hasen gegen Newcomer – ja selbst die Verteilung der besten Bürozimmer ist den Kollegen (Durchschnittsalter: 39 Jahre) doch glatt eine Kampfabstimmung wert gewesen. Resigniert resümiert die 25jährige ihre ersten Bonner Impressionen: „Ich kann wirklich noch viel im Leben lernen, aber von den meisten Leuten hier mit Sicherheit nicht.“

Wir verabreden uns im Bonner Bundestagshochhaus, und zwei Wochen später sitze ich Verena Krieger an ihrem voll beladenen Schreibtisch gegenüber. Sie muß noch schnell zwei Photokopien machen und einen Briefumschlag auf der Schreibmaschine adressieren. Dann stellt sie die Teekanne zwischen Aktenordner und Usambara-Veilchen und wartet gespannt auf die Fragen.

Die Jungpolitikerin – schmal, blond, im handgestrickten Pullover – ist eher schüchtern. Mit Yuppies, Punks und neuem deutschen Marilyn-Monroe-Look hat sie wenig im Sinn. „In meiner Generation bin ich eher ein Außenseiter“, gibt sie offen zu. „Ich gehöre sozusagen zu den letzten Ausläufern der Alternativbewegung.“ Und ernüchternd setzt sie noch hinzu: „Für Jugendliche sind die Grünen sowieso nicht mehr spannend – zu sehr Partei, zu viel Bürokratie. Eigentlich sind die meisten bei uns mindestens zehn Jahre älter als ich.“

Das Telephon läutet: Nein, da könne sie wahrscheinlich nicht kommen, sie habe noch zu viel zu arbeiten ... ja, sie würde wirklich gerne, aber das sei in nächster Zeit wohl nicht drin.

Sie legt den Hörer wieder auf, lächelt müde. Wo seien wir stehen geblieben? Ach ja, daß sie als Nachzügler zur Alternativbewegung gekommen sei, das liege wohl daran, daß sie aus einem Ort mit nur 10 000 Einwohnern komme, aus Werther bei Bielefeld. Das sei tiefste Provinz, wo sich die Jugendlichen zu ihrer Zeit noch als Hauptattraktion nachmittags mit dem Mofa auf dem Marktplatz getroffen hätten. „Erst Ende der siebziger Jahre lief bei uns, was in den Städten schon zehn Jahre vorher losgewesen war: die Jugendrebellion.“ Während die Oberschüler in Berlin, Hamburg und Frankfurt schon wieder mit Konsum und Computern flirteten, zog Verena, damals 17, in eine Wohngemeinschaft und stürmte mit ihren Freunden 1979 das Rathaus, um endlich auch für Werther ein Jugendzentrum durchzusetzen. Das war der Anfang: Sie half, eine Friedensinitiative und eine Einkaufsgenossenschaft für alternative Lebensmittel in Werther aufzubauen, marschierte (trotz Angst) auf Demos und gründete mit anderen einen grünen Kreisverband in der Nachbarschaft Gütersloh.