Von Hugh Thomas

Am 26. April sind es fünfzig Jahre her, daß vierzig deutsche und italienische Flugzeuge der Legion Condor Guernica bombardierten und die baskische Stadt beinahe völlig zerstörten. Die Teilnahme dreier italienischer Savoia-Bomber und eines Fiat-Ansaldo-Jägers neben den Ju 52, He 111 und vielleicht einer einzelnen Do 17 scheint mittlerweile erwiesen, obwohl das Hauptarchiv der Legion Condor – Ironie des Schicksals – bei einem Fliegerangriff auf Berlin im Februar 1945 vernichtet wurde. Einiges freilich ist bis heute dunkel geblieben: der Zweck der Bombardierung; die Verantwortung dafür; die Verluste; schließlich die politischen Folgewirkungen.

Zum Zweck haben alle damaligen Luftwaffenangehörigen, die sich in den letzten zehn Jahren zu der Tragödie haben vernehmen lassen, ausgesagt, es habe sich um einen taktischen Angriff gehandelt. Guernica, sagen sie, lag sechzehn Kilometer hinter der Front. Unmittelbar vor dem Städtchen führte eine wichtige Brücke über den Oca-Fluß. Guernica war ein Verkehrsknotenpunkt zehn Kilometer von der Küste entfernt, dreißig Kilometer von der baskischen Hauptstadt Bilbao. Also sei das Städtchen auf Anforderung der Truppen in der vordersten Linie bombardiert worden, wie schon mehrere andere Städte im Verlaufe des Feldzuges, der seit vier Wochen im Gange war: um die baskische Nachhut zu verwirren und die Verbindungen zu erschweren.

Die Akten in den deutschen, spanischen und italienischen Archiven belegen diese Version. Sie wird auch von Wolfram von Richthofen bestätigt, dem Stabschef der Legion Condor, der in Briefen an seine Frau über die Kriegsereignisse berichtete und daraus später ein Tagebuch rekonstruierte. Die Deutschen fügen im allgemeinen hinzu, wegen der Rauch- und Staubwolken nach den ersten Bombeneinschlägen habe sich die Sicht sehr verschlechtert, daher sei anstelle der Brücke (die unbeschädigt blieb) die Stadt mit ihren Vororten zerstört worden. Die Ju 52 seien überdies alte Transportflugzeuge ohne moderne Bombenabwurfschächte gewesen.

Diese Darstellung überzeugt aus mehreren Gründen nicht. Zum ersten bestand die Waffenzuladung der Bomber aus Brandbomben – wie zuvor bei den Angriffen auf Durango, Ochandiano, Elegueta. Zum zweiten mögen die Junkers-Maschinen alt gewesen sein, doch war die Heinkel 111 der erste Typ der neuen Bombergeneration. Zum dritten ist Guernica zu klein, als daß von einer außerhalb der Stadt liegenden Brücke die Rede sein könnte; zu klein auch mit seiner Bevölkerung von 5000 Menschen, als daß man von "Vororten" sprechen könnte. Nicht zuletzt aber hat Richthofen in seiner Schilderung anderer Städtebombardierungen klargemacht, daß er die Zerstörung baskischer Städte in Frontnähe durchaus billigte: als eine Art psychologischer Luftkriegführung, die den Willen der Bevölkerung brechen sollte. Schließlich widerlegt jede kartographische Übersicht der angerichteten Schäden die deutsche Darstellung von der "versehentlichen" Bombardierung: Da ist Präzisionsarbeit geleistet worden.

In einer Hinsicht allerdings hat sich die Legion Condor bei dem Angriff wohl verrechnet: Die infernalische Wirkung der Brandbomben (zum Teil mit Sofortzünder, zum Teil mit Zeitzünder) hat sie so nicht erwartet. Die Häuser waren meistenteils aus Holz gebaut, die Straßenzüge sehr eng; zusammen mit dem Wind hatte dies wohl unvorhergesehene Konsequenzen. Diese Tatsache samt der verspäteten Erkenntnis, daß Guernica eine Art "baskisches Potsdam" war (wie es Hugo Sperrle, der Chef der Legion Condor, im Mai nannte), löste im Oberkommando der Nationalisten eine Panik aus. Der Presseoffizier in Salamanca verstieg sich zu der unglaublichen Behauptung, Guernica sei von den Basken auf ihrem Rückzug gesprengt worden, wie sie zuvor Irǔn und Eibar in Brand gesteckt hatten. Die Ahnungslosigkeit der Legion, was die historische Bedeutung Guernicas anbelangt, ergibt sich im übrigen auch daraus, daß die traditionelle Versammlungsstätte der baskischen Senatoren und die Überreste der heiligen Eiche unbeschädigt blieben.

Wer aber trug die Verantwortung für den Bombenangriff? Die Anforderung der auf Guernica vorrückenden Fronttruppen – die am 25. April noch zwölf Kilometer von dem Städtchen entfernt waren – wurde am Morgen des 26. April von Richthofen und dem Stabschef der navarresischen Brigaden, Oberst Juan Vigon, gebilligt. Vigon handelte dabei innerhalb seiner Kompetenzen; jedenfalls beförderte ihn Franco später zum General und machte ihn zum Luftfahrtminister, was nicht darauf schließen läßt, daß der Oberst seine Weisungen überschritten hatte. Ohne Zweifel erwartete Vigon einen Angriff nach dem Muster von Durango: hart, aber nicht in Total Vernichtung ausartend. Möglicherweise hat er nicht einmal mit seinem Oberbefehlshaber General Mola darüber gesprochen, geschweige denn mit General Franco. Der hatte damals alle Hände voll zu tun, um eine Gruppe von Faschisten unter Manuel Hedilla zu zerschlagen, die sich ihre Unabhängigkeit von der neuen Franco-Führung zu erhalten trachtete: Hedilla wurde am 25. April verhaftet, seine Genossen in den Tagen darauf; mit allen wurde dann kurzer Prozeß gemacht. Es war dies die schlimmste politische Krise, die das nationalistische Spanien während des Bürgerkrieges durchmachte.