Die Tokioter Börse erlebt den größten Boom der Nachkriegszeit

Am 10. April war sich die Börsenverwaltung von Tokio ihrer Sache sicher: Der Kurswert aller an der Börse im Kabutocho-Viertel der japanischen Metropole gehandelten Aktien hatte erstmals den Vergleichswert der New Yorker Wall Street übertreffen. Die japanische Wirtschaftspresse feierte den neuen Weltrang-Ersten. In den Applaus mischten sich aber auch Unkenrufe, die von einer „Seifenblase der Illusion“ sprachen, von „einer großen Verschwörung“. New Yorker Broker-Firmen bescheinigten der Börse von Tokio (TSE) gar, ihr Kursniveau sei eine Versündigung am guten Menschenverstand.

Die japanischen Börsianer überhören derartige Schelte: Seit über drei Jahren schon stoßen ausländische Anleger aus Angst vor einem Börsenkrach japanische Aktien ab und versäumen so den eindrucksvollsten Boom, den ein Weltbörsenplatz je in der Nachkriegsgeschichte mitgemacht hat.

Gerade weil der fernöstlichen Wirtschaftsmacht die Yen-Hausse und die Eskalation des Handelskrieges zu schaffen machen, geht es mit Kursen und Indices in Tokio steil bergauf. Die Börse spiegelt seit geraumer Zeit nicht mehr die Wirklichkeit von Konjunktur, Währungsturbulenzen oder Unternehmensgewinnen wider. Auf den Bezug zu ökonomischer Realität hat der Markt längst verzichtet. Er ist sich selbst real genug.

Der Nikkei-Dow-Jones-Leitindex legte mit 46 Prozent Zuwachs sein bestes Ergebnis seit 1972 vor – und das, obwohl es der japanischen Wirtschaft im vergangenen Jahr so schlecht ging wie schon lange nicht mehr. Seit Jahresbeginn aber geht es nun erst richtig los: Die Industrie des Inselreichs wird von Untergangsvisionen heimgesucht, und gleichzeitig steigen die Kurse aller Börsenwerte anscheinend unaufhaltsam – binnen dreieinhalb Monaten allein um durchschnittlich dreißig Prozent. Daß sich dabei die Rekorde fast börsentäglich jagen, versteht sich von selbst.

Schon 1977 summierte sich der Kurswert aller Titel auf 51 Billionen Yen, nach gegenwärtigem Kurs waren das immerhin 640 Milliarden Mark. Zehn Jahre später, zu Beginn dieses Jahres, erreichte die Börsenkapitalisierung bald den sechsfachen Wert. Dieser Höhenflug läßt sich nicht mit einer deutlichen Verlängerung des Kurszettels begründen, denn heute werden mit 1507 Aktien gerade hundert mehr notiert als vor zehn Jahren. Demnach steigt bei fast konstantem Aktienangebot das Anlagekapital rapide.

Angesichts des japanischen Rezessions-Szenarios setzt nun der tun japanischer Investoren auf die heimische Börse erst richtig ein. Die Kassen der Industrie sind durch den Verzicht auf produktive Zukunftsinvestitionen und dank des ins Groteske schwellenden Handelsüberschusses Japans so prall voll wie nie. Bis vor kurzem noch finanzierten die Japaner zu einem beträchtlichen Teil das Budget-Defizit der Vereinigten Staaten, kauften sich im großen Stil bei US-Firmen ein und erwarben dort Immobilien. Seit Monatsbeginn ergießt sich nun ihre Liquidität auf den heimischen Aktienmarkt. Mit einem Leitindex von über 23 500 Yen und einem Marktwert jenseits der Vierhundert-Billionen-Yen-Schallmauer (deutlich mehr als fünftausend Milliarden Mark) signalisiert die japanische Börse heute nichts weiter als einen Anlagenotstand.