Die Erlebnisse von Abenteurern, Forschern und Eroberern haben von jeher die Phantasie der Daheimgebliebenen bewegt. Auch heute noch sind ihre Berichte ein informativer und spannender Lesestoff. Das unveränderte Interesse an authentischen Berichten aus vergangenen Jahrhunderten hat die Edition Erdmann des Thienemann-Verlags zur Herausgabe der Reihe „Alte abenteuerliche Reise- und Entdeckungsberichte“ veranlaßt, in der bisher siebzig Titel erschienen sind. Schon die Ausstattung der Leinenbände (38 Mark) stimuliert die Leselust: Die Berichte werden mit zeitgenössischen Holzschnitten, Stichen und Landkarten illustriert und in einer klassischen Antiqua gesetzt. Der Verlag hat jetzt zwei Neuerscheinungen in dieser Reihe herausgebracht.

„Merkwürdige Reisen im fernsten Asien – 1537 bis 1558“, so der deutsche Titel der Lebensgeschichte von Fernão Mendes Pinto. Es ist das Resümee eines zwanzigjährigen Aufenthalts in den Ländern des Fernen Ostens. Das Buch war schon zu Lebzeiten Pintos als „Peregrinaçam“ (Pilgerreise) in seinem Heimatland Portugal erschienen.

Dort gehört es bis heute zu den meistgelesenen Werken aus früherer Zeit.

Pinto, der nach eigenen Angaben „dreizehnmal gefangen und siebzehnmal verkauft worden“ war, gehört zu den ersten Europäern, die bis Japan kamen. Beim Bau der Chinesischen Mauer war er als Zwangsarbeiter dabei. Seine Aufzeichnungen erregten so großes Aufsehen, daß sich der spanische König Philipp II. von ihm über die fernen portugiesischen Kolonien berichten ließ. Pintos Report, an dessen Authentizität moderne Wissenschaftler nicht zweifeln, fesselt durch die genaue Beobachtungsgabe und das erzählerische Talent des Autors. Wie bei den Büchern dieser Edition üblich, hilft ein Vorwort, das Memoirenbuch dem historischen Hintergrund zuzuordnen.

Eine gleichfalls spannende Lektüre bietet der Titel „Zu den Quellen des Blauen Nils – Die Erforschung Äthiopiens 1768 bis 1773“ von James Bruce. Dieser schottische Landedelmann sah sein Lebensziel darin, jene Quellen zu finden, die seit undenklichen Zeiten die Vorstellungskraft der Völker am Nil beschäftigt hatten. Fünf Jahre dauerte seine gefährliche Expedition durch das von kriegerischen Auseinandersetzungen gebeutelte äthiopische Kaiserreich. Zwar fand der Schotte die sagenumwobenen Quellen, doch die erwartete Ehre für seine außergewöhnliche Tat ward ihm nicht zuteil. Zurückgekehrt erfuhr er, daß seine vermeintliche Pioniertat einem Irrtum entsprang. Anderthalb Jahrhunderte vorher hatten bereits portugiesische Jesuiten an der gleichen Stelle gestanden. Was Bruce von seiner Reise berichtete, klang so unglaublich, daß er als Lügner abgestempelt und verspottet wurde.

Erst Jahrzehnte nach seinem Tod gelangte er posthum zu Ruhm, als spätere Reisende den Wahrheitsgehalt seiner Schilderungen bestätigten. Mit James Bruce begann die Erforschung des Schwarzen Erdteils, die sich später mit so berühmten Namen wie David Livingstone, Henry M. Stanley und Gustav Nachtigal verband. Ihre Berichte weckten die Machtgelüste der europäischen Kolonialmächte, die den Kontinent in der Folge gnadenlos ausbeuteten. Auf der Kongo-Konferenz in Berlin teilten sie die Beute Afrika bedenkenlos unter sich auf, ohne Rücksicht auf traditionelle Strukturen und kulturelle Eigenheiten. No.