Von Ralf Dahrendorf

Schon der gelegentliche Besucher in den Vereinigten Staaten fragt sich nach ein paar Tagen, woher er seine Informationen darüber beziehen soll, was in der Welt und selbst hierzulande geschieht. Wieviel schwieriger wird die Frage, wenn man seit vielen Monaten in Amerika ist. Gewiß, das Fernsehen erlaubt es einem, sich ein eigenes Urteil darüber zu bilden, ob Präsident Reagan wieder ganz da ist oder nicht. (Ich bin übrigens fassungslos angesichts der widersprüchlichen Reaktion intelligenter Menschen auf dieselben Auftritte des Präsidenten.) Aber sonst gibt das Fernsehen nicht viel. Selbst Public Television, die relativ werbungsfreie Station auf dem New Yorker Kanal 13, bietet eher gute (oft englische) Filme und Dokumentarsendungen als genug Nachrichten für den hungrigen Europäer.

Also die Zeitungen, Da ist zunächst die New York Times. Auch nach all den Monaten noch finde ich es technisch schwer, sie zu lesen. An einem vergleichsweise einfachen Tag, einem Samstag, fand sich beispielsweise auf Seite 1 der Anfang von neun völlig verschiedenen Artikeln. Sie reichen von der Korruption amerikanischer Marinesoldaten an der US-Botschaft in Moskau über Reagans Veto gegen die Erhöhung der allgemeinen Geschwindigkeitsbegrenzung auf 65 Meilen bis zu einem Bericht über Gewalttaten in New Yorker Gefängnissen. Aber alle diese Artikel fangen auf der ersten Seite nur an; die Fortsetzung folgt auf Seite 4, Seite 8, Seite 31, Seite 54 und so weiter. Also blättert man entweder dauernd hin und her, wobei man mit Sicherheit einen Artikel ausläßt, den man lesen wollte, oder man versucht, alle Anfange im Sinn zu behalten, bis man an die entsprechende Fortsetzungsseite kommt, was selten gelingt. Wenige Seiten haben übrigens mehr als eine Spalte Text. Das ganze ist ein Labyrinth, keine Zeitung.

Bei der Sonntagsausgabe der New York Times gibt man angesichts des Papierberges (er kostet $ 1.25 statt der normalen 30 Cents) völlig auf. Man muß es auch denen, die es wissen, immer noch einmal sagen: An einem normalen Sonntag hat die New York Times in zehn „Sektionen“ 472 bedruckte Seite. Dazu kommen 220 Magazinseiten. Nicht mitgerechnet sind sechs Glanzpapierbeilagen mit Reklame. Irgendwo in diesen 692 Seiten steht auch lesbarer Text, aber oft versteckt. Man muß blättern und blättern, zum Unterschied von der Samstags-FAZ, die man durch kräftiges Schütteln leicht auf ihr lesbares Drittel reduzieren kann (nicht ohne allerdings die Tiefdruckbeilage vorher aus den Stellenanzeigen herausgeklaubt zu haben). Die Technik des Zeitunglesens allein hat in Amerika jedenfalls ihre Probleme.

Mögen diese Probleme noch auf europäischer Naivität beruhen, so stellt das, was man findet, schwierigere Fragen. Nehmen wir die Bundestagswahl vom 25. Januar als Beispiel. Zu keinem Zeitpunkt hat die New York Times das Ergebnis der Wahl klar und übersichtlich dargestellt. Wer nur die Times liest, wüßte noch heute nicht, wie hoch die Wahlbeteiligung war, welchen Stimmenanteil die CSU hatte, wie viele Stimmen „Sonstige Parteien“ einschließlich der NPD bekommen haben, wie gut oder schlecht führende Politiker, über die sonst gelegentlich berichtet wird, in ihren Wahlkreisen abgeschnitten haben, ganz zu schweigen von der regionalen Differenzierung der Stimmen.

Nun war die Bundestagswahl vom 25. Januar gewiß kein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung. Man könnte meinen, je weniger über sie gesagt wird, desto besser ist es. Aber darum geht es nicht. Es geht vielmehr darum, daß der vorzügliche Bonner Korrespondent der New York Times zwar viele Zeilen für „Farbe“ und „Hintergrund“ bekommt, daß aber die Redaktion ihre Leser nicht für hinlänglich erwachsen hält, um ihnen Tatsachen zu liefern.

Das hat übrigens nicht nur etwas mit dem amerikanischen Publikum zu tun, sondern auch mit dem amerikanischen Journalismus. Seit Watergate ist ja der investigative journalism, der Journalismus der Aufdeckung von Skandalen an hohen Orten, zur Mode geworden. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein neuer Skandal aufgedeckt wird. Nun ist das Sexualleben der Erweckungspriester des amerikanischen Fernsehens schon darum von Interesse, weil deren Tun seit der „moralischen Mehrheit“ einen politischen Akzent hat. Dennoch fällt es mir schwer, zugunsten solcher Informationen auf Fakten über haitianische Präsidentschaftskandidaten, irische Parlamentswahlen oder eine Regierungsumbildung in Griechenland zu verzichten.