Von Otto Ulrich

Ist da was schiefgelaufen? Die „Grünen“ loben Kohl. Womit hat der Bundeskanzler das verdient? „Jetzt kommt es darauf an, daß wir alle aus den Erfahrungen der letzten Tage lernen“, hatte der vierzehn Tage nach dem Beinahe-GAU des Atomreaktors in Tschernobyl gesagt. Nicht irgendwo, sondern vor dem Deutschen Bundestag wurde dieser regierungsamtliche Wille zur Lernfähigkeit dokumentiert. Das Protokoll verzeichnet demonstrative Zustimmung durch die „Grünen“.

Tschernobyl war aber nicht der Auftakt. Vorher gab es die Challenger-Explosion und später den Giftmord an Vater Rhein: 1986 war ein Jahr der technischen Katastrophen. Wieso nur 1986? Von der Titanic bis zur Todesfähre vor Zeebrugge läßt sich eine Linie ziehen. Wir leben nun mal in einer von Großtechnik gestützten Gesellschaft, und die technischen Risiken für Mensch und Mitwelt werden immer größer, eben: Risiko-Gesellschaft.

Selbst die „schleichenden“ Krisen haben längst ihre Meinungslobby: Waldsterben, Klimaaufheizung, Ozonloch, Verwüstung des Nordseegrundes durch Säureeintrag. Wir sind umstellt: Zur äußerlichen Unabhängigkeit von den bislang nicht kalkulierbaren Folgen der Technik kommt eine innere Verkümmerung durch abstraktes, bildloses Denken – wie die Diskussion über die Folgen des immer stärkeren Einsatzes von Computern zeigt.

Wissen wir eigentlich, worauf wir uns eingelassen haben? Wohl kaum. Wir hören viel Wende-Gerede, aber nichts darüber, wohin gewendet werden soll. Die Notwendigkeit zur Förderung neuer Technologien, die weitere Verwissenschaftlichung und Technisierung unseres Alltags wird als unausweichlich hingestellt, öffnen sich vielleicht Perspektiven, wenn die technologische Herausforderung nicht im industriepolitischen Wettlauf mit Japan und den Vereinigten Staaten gesehen wird? Liegt im Erlernen eines ethisch verantwortbaren Umgangs mit Technik die eigentliche, nämlich eine menschengemäße Perspektive?

Über die Akzeptanz der Technikfolgen – für die niemand verantwortlich zeichnen will – hören wir nichts. Längst ist der Verlust authentischer Menschlichkeit unter dem unbewältigten Ansturm der neuen Technologien und ihrer Folgen zum Thema in Kirchen und Akademien geworden; Wissenschaft und Technik dagegen erstarren und versteinern weiter unter dem brüchig gewordenen Schirm eines nur quantitativen Fortschritts.

Der Angstdruck, die Leidensfähigkeit und die Sorge vor der nächsten Katastrophe finden in der großen Politik keine Resonanz über den Tag hinaus. Erst wenn Tschernobyl in die Luft geflogen ist, wird Kompetenz demonstriert und der Wille zur Lernfähigkeit postuliert. Aber das bleibt hohl. Die Bundesregierung hat die Lektion des Katastrophenjahres 1986 nur unzureichend gelernt.