Die Erzählung „Das einsame Haus auf der Basilius-Insel“, Puschkin zugeschrieben (darüber unten mehr), beginnt doch ganz „normal“. Des Lesers Vorstellungen, die vor allem von Erfahrungen der Realität gebildet und überwacht sind, werden zunächst keinen Schocks ausgesetzt. Ein junger bürgerlicher Mann, von irgendwoher gekommen, hat sich in Petersburg niedergelassen und findet an einer jungen Verwandten auf der Basilius-Insel, einem Petersburger Stadtteil, ein gewisses Gefallen. Er gewinnt plötzlich einen Freund. Allerdings verfährt der Autor schon in der Introduktion etwas seltsam, er scheint den Vornamen des jungen Mannes nicht zu kennen und sagt daher: „Nennen wir ihn Pavel.“

Das hört man ohne Arg; erst im Verlaufe der sich dramatisch ballenden Begebenheiten macht sich der Leser vielleicht den Vorwurf, er sei nicht mißtrauisch genug gewesen. Pavels Freund, etwas älter, hat immer Geld, so daß den Jüngeren „in diesem Punkt manch seltsamer Verdacht beschlich“. Aber dies Mißtrauen mag sich auf Unlauterkeit, Unterschlagung, Raub gerichtet haben. Es kommt viel schlimmer, vor allem: anders. Und das heißt: Ein ganz anderes Register wird gezogen. Der Teufel ist los.

Pavel und Varfolomej (deutsch Bartholomäus – so heißt der Ältere) haben sich wegen des Mädchens Vera, das in einem Häuschen auf der Basilius-Insel mit seiner Mutter und einer alten Dienerin lebt, zerstritten bis aufs Messer. Da gibt es in der Literatur doch Tausende von Beispielen, so in Puschkins „Eugen Onegin“, der, auch wegen einer Frau, seinen Freund Lenskij im Duell tötet. Aber Varfolomej entpuppt sich nicht etwa nur als Nebenbuhler, sondern als der Satan in persona. Bei der allmählichen Demaskierung gab es im Verlauf der Erzählung schon so manches Präludieren. Das Auffälligste: Wenn Varfolomej Beweise der Gläubigkeit abverlangt wurden, wich er immer aus.

Es gibt in dieser Erzählung vom „verliebten“ Teufel (sie wird, seltsam, Novelle genannt, im übrigen bewährt sich Peter Urban wieder als vortrefflicher Übersetzer) einen ungewöhnlichen Trick. Etwa in der Mitte seiner Schilderung erklärt der Verfasser: „... hier ende ich mein Tableau, dem Beispiel der besten klassischen Autoren der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit folgend, und überlasse seine Erzählung Ihrer eigenen Vorstellungskraft.“ Eigene Vorstellungskraft? Er zieht tatsächlich ganz neue ästhetische Register. Pavel, der einmal eine nächtliche Schlittenfahrt unternimmt, erkennt plötzlich, daß der Kutscher kein Kutscher, sondern ein Skelett ist. Das heißt: Realität, Rationalität, Logik, Folgerichtigkeit werden in einem anarchischen Prozeß entmachtet. Das Überwirkliche, vorrationale Tiefenschichten, Traumerlebnisse, Dämonie werden legalisiert, und zugleich wird jeder beliebige Wechsel von einem Register zum anderen gutgeheißen. Wir befinden uns hier nicht lediglich im „Futurismus“ (ein Stil, der bei Interpretationen Puschkins oft genannt wird), sondern mitten im Surrealismus, dessen Entstehung sonst fälschlicherweise erst mit dem Jahre 1918 datiert wird.

Die Authentizität der Erzählung wurde früher (wird noch heute) angezweifelt. Puschkin soll „die ganze Teufelei“ einst nicht selber niedergeschrieben, sondern erzählt haben. Vladimir Titov, Diplomat, Mitglied des Staatsrats, der selber unter dem Pseudonym „Tit Kosmokratov“ schrieb, habe Puschkin beim Erzählen zugehört, habe einige Zeit später das Gehörte aus dem Gedächtnis aufgeschrieben. Puschkin habe das Manuskript geprüft und Korrekturen angebracht. Doch „seit 1912 zählt die Geschichte vom „Einsamen Haus‘“, versichert Peter Urban – und wir glauben es nach der Lektüre gerne – „zum klassischen Kanon der Puschkin-Erzählungen.“ René Drommert

  • Aleksandr Puškin:

„Das Haus auf der Basilius-Insel“

Novelle, aus dem Russischen von Peter Urban; Verlag Friedenauer Presse, Berlin 1987; 32 S., Abb., 16,80 DM