Von Henning Engeln

Gibt es nun wissenschaftlich gesicherte Zusammenhänge zwischen der Mißbildungsrate bei Kindern und der Strahlenbelastung aufgrund des Unglücks in Tschernobyl oder nicht? Eine Studie des Berliner Humangenetikers Karl Sperling und die seltsamen Umstände, unter denen sie präsentiert wurden, sorgten in der vorletzten Woche für Verwirrung.

Angefangen hatte alles damit, daß im Januar in Berlin eine ungewöhnlich hohe Zahl von Trisomie 21-Fällen (auch Down-Syndrom oder umgangssprachlich „Mongolismus“ genannt) registriert worden war. Kamenim langjährigen Durchschnitt auf rund 1500 bis 1700 neugeborene Kinder in Berlin zwei Fälle von Trisomie 21, so hatten die Humangenetiker im Januar zehn Kinder mit Down-Syndrom registriert. Januar – das hieß: neunter Monat nach Tschernobyl. Die Kinder waren vermutlich zu einer Zeit gezeugt worden, als die radioaktive Belastung in der Bundesrepublik am höchsten war. Das ließ die Wissenschaftler stutzen, denn Trisomien, also erbliche Defekte, bei denen ein Chromosom zu viel in sämtlichen Körperzellen zu finden ist, gehen vorwiegend zurück auf Defekte in den weiblichen Keimzellen – die erst kurz vor der Befruchtung heranreifen. Die Humangenetiker kommentierten zunächst zurückhaltend. „Ein Zusammenhang mit Tschernobyl kann, nach allem, was man heute über Radioaktivität weiß, fast ausgeschlossen werden“, erklärte damals Professor Karl Sperling, Leiter des Instituts für Humangenetik der Freien Universität Berlin. Da die Schwankungen von Monat zu Monat beträchtlich sind – so wurden im Februar 1981 sechs Babys mit Down-Syndrom geboren – wurde vermutet, daß im Januar mehrere seltene „Ereignisse“ zu der Häufung beigetragen hätten – möglicherweise auch die zusätzliche Strahlendosis durch Tschernobyl. Allerdings war die geschätzte Belastung der Keimzellen nach dem Reaktorunfall in Berlin nur gering: maximal hatte sie um 60 Prozent über der natürlichen Strahlendosis gelegen. Eine genauere Überprüfung der zehn Fälle ergab, daß drei der mongoloiden Kinder vor Tschernobyl gezeugt worden waren, der Zeugungstermin eines vierten Babys dagegen lag so spät, daß die Hauptbelastung wieder abgeklungen war.

Doch die Berliner Humangenetiker fanden die Häufung seltsam genug, um der Sache weiter nachzugehen. Sie schrieben an 40 humangenetische Institute und Labors für vorgeburtliche Diagnostik in der gesamten Bundesrepublik, um eine größere Menge von Daten zusammenzutragen. In erstaunlich kurzer Zeit hatten sie umfangreiches Zahlenmaterial über vorgeburtliche Untersuchungen (Amniozentesen) und begannen mit der Auswertung.

Die Ereignisse nahmen einen unerwarteten Lauf, als die Untersuchungsergebnisse auf bislang unbekannten Wegen aus dem Berliner Institut für Humangenetik in die Hände eines Natur-Mitarbeiters gelangten und am 7. April unter der Schlagzeile „Mehr Mißbildungen nach Tschernobyl registriert“ auf der Frontseite der Frankfurter Rundschau auftauchten. Bei der Durchmusterung der Amniozentese-Daten war für den Monat August eine Häufung von Trisomie-21-Fällen unter den Ungeborenen gefunden worden. Da die vorgeburtliche Diagnose meist in der 16. Schwangerschaftswoche vorgenommen wird, fiel die Zeugung besagter Kinder vermutlich in die Zeit der erhöhten radioaktiven Belastung nach der Reaktorkatastrophe. Für die Frankfurter Rundschau schien damit klar: „Der erste wissenschaftliche Beweis für eine Schädigung menschlichen Erbguts in der Bundesrepublik durch das Reaktorunglück von Tschernobyl ist jetzt offenbar erbracht.“ Und die Süddeutsche Zeitung zitierte Professor Sperling mit den Worten: „Wir können nun nicht mehr darüber hinwegsehen, daß ein Zusammenhang zwischen dem Reaktorunglück von Tschernobyl und einer erhöhten Mißbildungsrate in der Bundesrepublik möglich ist.“ Zur Untermauerung wurden die Ergebnisse der Untersuchung von der Universitäts-Pressestelle in Form einer Studie verschickt.

Doch in den folgenden Tagen steckte der Berliner Humangenetiker mehr und mehr zurück. Er distanzierte sich von der Darstellung in der Frankfurter Rundschau und betonte, daß die Studie keinen Beweis für einen Zusammenhang zwischen Mißbildungsrate und erhöhter Strahlung liefere. Die erste Fassung der Studie wurde zurückgenommen und durch eine zweite mit einigen korrigierten Daten und wesentlich zurückhaltenderen Formulierungen ersetzt. Für manchen Beobachter war der Fall damit klar: „Eine Wissenschaft ohne Zivilcourage, mit traumatischen Berührungsängsten vor Emotionen oder noch schlimmer: vor politischen Implikationen“, hieß es beispielsweise in der Tageszeitung (taz), und in der Frankfurter Rundschau wurde vermutet: „Druck aus Bonn?“.

Gegenüber der ZEIT räumte Sperling ein, bei der Anfertigung der ersten Fassung der Studie Fehler gemacht zu haben. Sie sei lediglich als Diskussionsgrundlage für Fachkollegen gedacht gewesen und nur unter dem Eindruck des Berichtes in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht worden. Die Ergebnisse seien Hinweise, die mit zufälligen oder saisonalen Schwankungen genausogut erklärt werden könnten. „Ich wollte nicht den Eindruck aufkommen lassen, daß es irgendeinen gesicherten Zusammenhang zwischen der Trisomien-Häufigkeit und der erhöhten Strahlenbelastung gibt. Allerdings kann man mit der Studie einen solchen Zusammenhang auch nicht widerlegen.“

Wer die Studie sorgfältig betrachtet, findet sowohl in der ersten wie in der zweiten Fassung eine Fülle von Ungereimtheiten. So werden die Trisomie 21-Fälle (siehe Zeichnung) wöchentlich aufgeschlüsselt, wobei die Humangenetiker versuchten, anhand der Angabe des ersten Tages der letzten Regelblutung durch die betroffenen Frauen, das Zeugungsdatum der Kinder zu bestimmen. Sie fanden acht Ungeborene mit Trisomie 21 bei Frauen, deren letzte Regel in die Woche vom 7. bis 13. April fiel und neun Mißbildungen für die Woche vom 14. bis 20. April. Da die Mediziner gemeinhin vom ersten Tag der letzten Regel 14 Tage bis zum Zeitpunkt des Eisprungs rechnen und die Befruchtung danach innerhalb von wenigen Stunden erfolgt, dürften die Frauen der ersten Woche kaum von den Tschernobyl-Strahlen betroffen worden sein (die radioaktive Wolke erreichte die Bundesrepublik erst am 29./30. April. Siehe obigen Bericht).

Abgesehen davon, sind für andere Wochen annähernd gleich große Zahlen von Trisomie 21 Fällen zu finden wie für jene beiden Wochen, die mit der Reaktorkatastrophe in Verbindung gebracht werden. Deshalb mutet die Verteilung eher zufällig an, und sie ist es wohl auch, wenn man die statistische Einschätzung der Berliner Humangenetiker zugrunde legt. Fragwürdig ist ferner, daß bei der wöchentlichen Aufschlüsselung der Daten, die auch im Fernsehen als Grafik gezeigt wurde, die absolute Zahl der Trisomien angegeben wurde und nicht ihr relativer Anteil, bezogen auf die Gesamtzahl der untersuchten Föten. Die Wissenschaftler hatten nämlich von den Frauen, deren Kinder keine Erbdefekte aufwiesen, keine Angaben über den Zeitpunkt der letzten Regel. Somit war auch kein Vergleich möglich. Da die Zahl der Untersuchungen schon von Monat zu Monat um bis zu 30 Prozent schwankt, dürften die Schwankungen von Woche zu Woche noch beträchtlicher sein, so daß absolute Zahlen von Mißbildungen pro Woche nicht besonders viel sagen.

Doch damit nicht genug. Wurde in der ersten Fassung der Studie noch von 15 Trisomie 21-Fällen im „hochbelasteten“ süddeutschen Raum ausgegangen, mußten die Humangenetiker diese Zahl bald darauf auf 13 korrigieren. Es hatte sich herausgestellt, daß gar nicht alle Frauen dort wohnten, wo die Fruchtwasseruntersuchung vorgenommen worden war. Für die geographische Verteilung der Fälle hatten die Wissenschaftler jedoch zunächst den Ort der humangenetischen Untersuchung zugrunde gelegt. Ob die Frauen sich zum Zeitpunkt der Reaktorkatastrophe tatsächlich an ihrem Wohnort aufhielten, wie in der zweiten, „verbesserten“ Studie angenommen, bleibt weiter unklar. Ein Vergleich der geographischen Verteilung der Mißbildungen mit jener des Fallouts (siehe obige Karte) zeigt keine auffällige Übereinstimmung. Ein letzter Schwachpunkt: Nur Dreiviertel der Trisomien gehen gewöhnlich auf Defekte der Eizellen zurück, ein Viertel ist durch überzählige Chromosomen in den Spermien bedingt. Dieser Chromosomen-Überschuß entsteht jedoch bei der Reifeteilung der Spermien, die mindestens vier Wochen vor der Befruchtung stattfindet. Eine vom Vater ausgehende Trisomie hätte also ihren Ursprung vor Tschernobyl gehabt. Dies blieb in der Studie unberücksichtigt.

Es war zweifellos verdienstvoll von Sperling, den Mißbildungen nachzugehen und umfangreiche internationale Untersuchungen anzuregen. Doch die Art und Weise der Veröffentlichung hat der Sache eher geschadet als genützt.