Das Phänomen Aids stellt die Gesellschaft auf die Probe

Von Horst-Eberhard Richter

Aids ist im Begriff, alle anderen gesellschaftlichen Ängste zu überwuchern. Immer mehr Menschen wird bewußt, daß sie in der Nachbarschaft von Infizierten leben. Und nicht wenige zweifeln, wie ein Test bei ihnen selbst ausfallen würde.

Die Test-Positiven haben die eigene Krankheit zu fürchten, aber mindestens im gleichen Maße die Haltung der Umwelt. Denn dem pathologischen Phänomen Aids steht das pathologische Phänomen massenhafter hysterisch-phobischer Reaktionen des Publikums gegenüber. Wie keine andere Krankheit entfacht Aids im Umfeld panische Ängste, Fluchtimpulse, nicht selten aber auch Abscheu und feindselige Gefühle. Aids trifft eine Gesellschaft, die durch andere Traumen – Umweltzerstörung, atomare Bedrohung – bereits unter erhöhtem Angstdruck lebt. Die Virus-Krankheit entblößt eine latente Unheimlichkeitsstimmung und versammelt gleichzeitig alle paranoiden Projektionen auf sich. Sie ist zu dem großen Verfolger schlechthin geworden. Wer seine Infektion verrät, provoziert um sich herum Bestürzung. Verständlich, daß viele, die soziale Stigmatisierung fürchtend, vor einem Test zurückscheuen.

Angst aus dem Unbewußten

Von manchen Aids-Patienten hört man, die Krankheit zu erleiden sei schlimm, aber schlimmer noch sei das Gefühl der chronischen Isolierung bis zur Ächtung. Freunde ziehen sich zurück. Es gibt keine Zärtlichkeiten mehr. Da sind Familien, die nur noch über Telephon oder Brief mit erkrankten Angehörigen Kontakt haben wollen. Ich kenne intelligente Psychologinnen und Psychologen, die – obwohl über die Gefahrlosigkeit voll im Bilde – Begegnungen mit Aids-Kranken verweigern. Motiv ist hier wie in vielen anderen Fällen eine regelrechte neurotische Phobie. Aus dem Unbewußten aufsteigende Angst setzt sich gegen die rationale Einsicht durch. Sachkundige Belehrungen richten in solchen Fällen genauso wenig aus wie etwa bei Patienten mit Platzangst oder Tierphobien. Es ist, als habe uralter Dämonenglaube die Virus-Träger in vom Teufel Besessene verwandelt.

Zweifellos wird Aids momentan als die massivste Bedrohung unserer kulturell antrainierten heimlichen Unsterblichkeits- und Größenphantasien erlebt. Scheinbar stetig vorrückend zu einer Erweiterung und Sicherung des Lebens durch technische Errungenschaften und medizinische Triumphe, erfahren wir durch Aids die Brüchigkeit unserer Verdrängung von Todesangst. Plötzlich wird zur unerbittlichen Gewißheit, was gemeinhin als abstrakte Idee ausgeblendet war. Aids widerlegt den Mythos einer Medizin, die nach dem Sieg über viele Seuchen bald der letzten tödlichen Krankheiten Herr werden sollte.