Elem Klimows "Komm und siehe", Oliver Stones "Platoon", Konstantin Lopuschanskijs "Briefe eines Toten"

Von Andreas Kilb

Auf einmal ist der Feind ganz nahe, wehrlos, der Rache ausgeliefert. Die Schlacht ist vorbei, überall liegen tote deutsche Soldaten. Die siegreichen Partisanen ziehen sich in die Wälder Weißrußlands zurück, dem nächsten Kampf entgegen. Einer, ein Kind bleibt zurück. Vor seinen Füßen, im Schlamm, eine Photographie mit dem Porträt Adolf Hitlers. Der Junge zielt auf das Gesicht des Feindes im Glasrahmen, auf Hitlers Gesicht. Und auf die vielen anderen Bilder, die dich darin spiegeln: die Parteitage, Aufmärsche und Reden, dann die Bomben, die Brände, die einstürzenden Städte, das Gemetzel, die Lager, die Skelette. Wie beim Duell stehen sie einander gegenüber: der Junge und das Bild. Die Kamera blickt auf Hitler, dann in die Gewehrmündung. Der Junge schießt, und das Glas zerbricht.

Da beginnen die Bilder des Krieges, rückwärts zu laufen. Die zerstörten Häuser stehen wieder auf, die Geschosse fliegen in ihre Rohre zurück, die Bomben fallen nach oben in die Bombenschächte, die Flammenwerfer verschlucken das Feuer, die Soldatenstiefel ändern ihre Richtung. Der Junge schießt weiter. Die Panzer verschwinden, die Namenszüge unter den Verträgen werden gelöscht, die Einmärsche verwandeln sich in Auszüge, das Heil-Geschrei bleibt den Rufern in der Kehle stecken, die hochgereckten Arme werden zurückgezogen, die Fahnen eingerollt. Die Paraden gehen nach hinten los, die Straßenkämpfer der Weimarer Republik zerstreuen sich, der Redner tritt vom Pult zurück in die Reihen, die sich lichten, auf den Straßen Berlins zerstieben, in der Menge untergehen, wieder namen- und gesichtslos, abgetriebene Geschichte, weggewünschte Vergangenheit.

Der Junge hört nicht auf zu schießen: auf Hitler, den jungen Parteiführer, Hitler, den Gefreiten des Ersten Weltkriegs, Hitler, den verkrachten Kunststudenten. Die Bilder rasen weiter, zurück zu einem ganz alten, rötlich verblichenen Familienporträt. Der kleine Adolf sitzt auf dem Schoß seiner Mutter. Er blickt in die Kamera. Der Junge schaut zurück. Er läßt das Gewehr sinken. Das ist der Feind: ein Kind.

"Tötet Hitler" wollte Bern Klimowdiesen Film zuerst nennen, der nun unter dem schlichteren, weniger plakativen Titel "Komm und siehe" in den Kinos anläuft. Tötet Hitler: das ist die Losung, die der Partisanenjunge Fljora ständig zu wiederholen scheint, sein ohnmächtigsten Wunsch, sein mächtigstes Gefühl. Aber in der zentralen Auseinandersetzung am Ende des Films, in der die Wünsche über die Bilder triumphieren und die Geschichte sich zurückdreht, in jenem Moment, da sich das Kinowunder ereignet und die Wirklichkeit aufgehoben wird, versagt sein Haß. Aus dem Gesicht des Feindes blickt ihn die eigene, in den Massakern und Bombardements untergegangene Kindheit an.

Schon in seinem Rasputin-Film "Agonie" hatte Klimow Dokumentaraufnahmen verwendet, um die dekadente Abgeschlossenheit, die Inselatmosphäre des Zarenhofes sichtbar zu machen. Auch in "Komm und siehe" wirkt das geschichtliche Material als Gegengift gegen die Verführungen der Fiktion. Unter hundert Feindbildern entdeckt die Kamera wiederum ein Wunschbild. Seine Unschuld ist teuflisch, sein Ausdruck gleicht dem der Opfer. Das ist der Moment, in dem die Ästhetik des Schreckens an ihre Grenze stößt. Nach all den Greueltaten, von denen Klimows Film zuvor erzählt hat, erlebt der Betrachter vor diesen Bildern einen neuen Schock, das Schwindelgefühl, aus der Zeit gefallen zu sein, die Züge des Unmenschen nicht mehr erkennen zu können.