"Komm und siehe" ist ein Kriegsfilm von ungeheuerer Brutalität, aber auf seinem Höhepunkt schlägt der Schrecken um in furchtbare Nachdenklichkeit. Es gibt keine Lösung, keine moralische Läuterung nach dem Muster: "Alle menschlichen Gebrechen sühnet wahre Menschlichkeit." "Komm und siehe" ist die Zurücknahme dieses Satzes. Was geschehen ist, kann nicht entsühnt werden, schon gar nicht von einem Kind. "Komm und siehe", 1985 gedreht, ist das früheste und eindrucksvollste Beispiel einer neuen Generation von Kriegsfilmen, die in diesem Frühjahr in die Kinos kommt. Ab sofort läuft im Großeinsatz Oliver Stones Vietnam-Epos "Platoon", mit vier "Oscars" dekoriert, vom Time-Magazin mit einer Titelgeschichte geehrt und auf den diesjährigen Berliner Filmfestspielen mit dem "Silbernen Bären" ausgezeichnet; und Konstantin Lopuschanskijs Endzeitvision "Briefe eines Toten", immerhin noch Sieger der Mannheimer Filmwoche, bahnt sich seit letzten Donnerstag seinen Weg durch die deutschen Programmkinos.

Drei Filme, drei Kriege. Der Zuschauer kann einen Fahrplan aufstellen: vom Zweiten Weltkrieg über Vietnam zur Apokalypse. Es ist eine traurige Rundfahrt, ohne Helden, ohne Siege, ohne den Trost einer "höheren Notwendigkeit", für die gelitten und gestorben wird wie einst vor Alamo, am Kwai oder an der Küste der Normandie.

Am Wegrand: Geschichten von Opfern, von Kindern, die ins Fadenkreuz der Maschinengewehre, ins Feld der tödlichen Strahlung geraten. "Komm und siehe" beginnt mit dem Bild zweier Jungen, die im Sand nach Gewehren graben; "Briefe eines Toten" endet mit dem Zug einer Kinderschar durch die radioaktive Wüste. Chris, der Held in "Platoon", ist achtzehn Jahre alt, als er nach Vietnam kommt, aus Überdruß am Collegeleben hat er sich freiwillig zum Fronteinsatz gemeldet. Überall Unschuldslämmer, Verblendete, leere Gesichter, in die die Filme ihre Botschaft einschreiben können.

Im stillen wird in diesen Filmen eine neue Schlacht geschlagen, das letzte Gefecht um die Wahrheit. "Vietnam, wie es wirklich war", lautet das einhellige Lob der amerikanischen Presse für "Platoon". Mit ähnlichem Etikett könnte man auch für Lopuschanskijs russische Apokalypse werben. Selten wurde derart erbittert für das Realitätsprinzip im Kino gefochten. Schon hat sich Oliver Stone in einem Interview gegen die "deutsche Perversion des Denkens" verwahrt, die seinem Film etwa Naivität und Schematismus vorwerfen könnte. Und Lopuschanskij verlangt ein "apokalyptisches Bewußtsein" vom Zuschauer, der sich auf seine Weltuntergangsbilder einläßt.

Die neuen Kriegsfilme wollen Betroffenheit erzeugen, Einverständnis, kniefällige Reue. Aus dem schlechten Gewissen des Zuschauers machen sie sich ein gutes. Komm und sieh, sagen Klimow, Stone und Lopuschanskij, so ist es gewesen, so wird es sein: in Rußland, in Vietnam, in den Ruinen des Atomkrieges. Aufklärung tut not, zumal nach Rambo und dem Major Schatochin, und im Kino ist sie noch immer am einfachsten zu haben. Der Ernst ihrer Botschaft, scheint es, die offensichtliche Anstrengung, "echt" zu sein, macht diese Filme gegen Kritik immun. Wer könnte sich noch den Kopf darüber zerbrechen, ob Lopuschanskijs Apokalypse "gelungen", ob der Dscnungelkrieg des Vietnam-Veteranen Stone stimmig inszeniert ist? Schweigend und bedrückt sollen wir die Welten dieses Kino-Kriegs durchstreifen: ein einig Volk von Betroffenen.

Aber die Bilder des Krieges, die Blutorgien in Rußland und Vietnam, selbst die Feuerstürme der nuklearen Katastrophe, wollen die Botschaft der Regisseure nicht nur verkünden, sie wollen sie auch verkaufen: mit Licht- und Schattenspielen, Farbeffekten, suggestiven Schnitten, dem ganzen dramaturgischen Aufwand des Kinos. Sie appellieren an die schlimme Schaulust genauso wie ans Mitleid.

Die Bilder haben kein Gewissen, ihre Schönheit ist immer zweideutig, Aufklärung und Blendung zugleich. In Rußland, in Vietnam, in der Atomwüste ist es das gleiche Spektakel: Feuer und Blut, Leichen und Schreie, das Licht der Explosionen, die Dunkelheit der Gräben. Kriegsspiele, Simulationen. Komm und sieh.