Die Kamera schaut auf Fljora. Sein Gesicht ist ausdruckslos, erloschen, die Züge in der Verzerrung verstehen. Er sieht niemanden mehr an, er sieht nur in sich hinein. Dann schießt er auf Hitler.

Der Trichter

"Für ein gutgenährtes, sauberes und zufriedenes Kinopublikum, das in einem klimatisierten Saal sitzt und Popcorn knabbert, gibt es keine Möglichkeit, in neunzig Minuten Filmzeit das Leben im Busch auch nur annähernd zu begreifen" (Bernard E. Trainer in der New York Times). Oliver Stone filmt die Hölle, deshalb legt er ein höllisches Tempo vor. Kaum ist Chris (Charlie Sheen) in Vietnam gelandet, da marschiert er auch schon durch den Urwald zum Camp seiner Einheit, des Platoon. Dann muß er mit der Nachtpatrouille hinaus, wird verwundet, kehrt vom Lazarett zurück ins nächste Gefecht, übersteht einen schweren Einsatz, dann noch einen, und fliegt, wiederum verwundet, vom Schlachtfeld nach Hause.

Dazwischen gibt es Szenen aus dem Lagerleben der amerikanischen Soldaten. Sie rauchen Haschisch, trinken Whisky, hören Country- und Soulmusik in ihren Baracken, die Schwarzen verachten die Weißen, die Weißen schinden die Schwarzen. Es soll Zuschauer geben, die dies für eine ungeheure Neuigkeit halten, die hier zum erstenmal den Vietnamkrieg erleben, wie er wirklich war. In der Tat, hätte es in den letzten zwanzig Jahren kein Fernsehen, keine Zeitungen, keine Bücher gegeben, dann wäre "Platoon" eine Sensation.

So aber erfährt der Zuschauer eine Menge Dinge, die er bereits weiß, und andere, die er gar nicht wissen will. Etwa, daß es im Dschungel, wie überall, einen Kampf zwischen Gut und Böse gab, zum Beispiel zwischen dem guten Sergeant Elias (Willem Dafoe) und dem bösen Sergeant Barnes (Tom Berenger). Barnes’ Gesicht ist von Narben gleichsam zweigeteilt, die innere Zerrissenheit der Truppe trägt er als sichtbares Kainsmal herum. Barnes ist ein Killer; das bekommen wir vorgeführt, als er in einem vietnamesischen Dorf eine wehrlose, zeternde alte Frau niederknallt. Elias ist ein Apache, seit drei Jahren an der Front, längst hat er begriffen, daß der Krieg verloren ist. Elias ist ein Menschenfreund; das sehen wir, wenn er die Neulinge vor dem Patrouillengang bewahren will, ein Massaker im Dorf verhindert und dem Schurken Barnes ein Gerichtsverfahren anhängt.

Zur Halbzeit des Films stehen sie einander gegenüber, mitten im Dschungel: Elias zögert, und Barnes drückt ab. Die Truppe steigt in die Hubschrauber, und unten auf der Erde kämpft Elias, der nur verwundet wurde, seinen letzten Kampf. Die Vietcong-Soldaten holen ihn ein, im Sterben reißt er die Arme auseinander wie Christus am Kreuz. Die Kamera zeigt die Szene drei-, viermal, aus vielen Perspektiven, sie heiligt Elias, sie weidet sich an seinem Tod.

"Platoon" ist ein Märchen über Vietnam, gepolstert mit den naiven Einsichten des Veteranen Oliver Stone. Der Film sucht die Schuld bei den Amerikanern, also konstruiert er einen neuen Typus: den schuldigen Amerikaner. Die Filme von Coppola und Cimino sind ihm zu mythisch, also schafft er einen neuen Kino-Mythos: den Krieg des kleinen Mannes. Der kleine Mann, Chris und seinesgleichen, hat nur einen Ausschnitt des Krieges gesehen, aber Stone erzählt davon mit symbolischem Pomp und riesigen Kino-Feuerwerken, als gelte es, der Nation das letzte Trostpflaster auf die Wunde Vietnam zu kleben. Eine Welt von Unschuldigen hat ihm dafür den "Oscar" verliehen.