Von Horst Bieber

Querdenker haben es in allen Parteien schwer, doch offenbar ganz besonders schwer bei den Grünen. Lukas Beckmann, einer der drei Bundessprecher, findet dasnach langem Überlegen "erstaunlich". Gerade in dieser Partei müßten doch Köpfe erwünscht sein, "die innerhalb der Partei quer zu den Flügeln denken wie die Grünen quer zur Gesellschaft". Das ist richtig. Die Grünen, wollen sie auf Dauer eine eigene Identität finden und damit ihr Überleben sichern, dürfen sich weder als linker Appendix der SPD noch als lauernde Erben einer dahinscheidenden liberalen Mitte verstehen.

Lukas – der Vorname ist ein Markenzeichen; auf Bundesparteitagen haben Delegierte schon gefragt: "Wie heißt der eigentlich mit Nachnamen?" –, Lukas hat laut quergedacht, nach der hessischen Landtagswahl: "Ökologisch denken ... beinhaltet die Bereitschaft, mit bisher für gültig gehaltenen Ideologien zu brechen... Die Grünen sind weder politisch noch geistig oder kulturell eine Partei der Mitte. Sie dürfen es auch nicht werden, wenn Lebendigkeit Ausgang und Charakter ihrer Politik bestimmen soll... Es muß zu einem integrierten Bestandteil unserer Strategie werden, auf allen Ebenen der Politik Tolerierungs- und Koalitionsgespräche mit der CDU nicht auszuschließen ... (Hierzu) bedarf es einer grundlegenden Auseinandersetzung der Grünen mit den Grundwerten des Christentums und des Liberalismus im Verhältnis zur Realpolitik der CDU und FDP."

Eine Bombe hätte nicht wirkungsvoller einschlagen können. Ein Aufschrei der Empörung einte vorübergehend sogar die beiden Lager, Ökosozialisten und Fundis nie, Realos dort. Von "albern" über "verrückt" und "spinnen" bis hin zu bösen persönlichen Diffamierungen reichten die Reaktionen: Nun sei er endgültig übergeschnappt, wie gut, daß er schon Wochen vorher angekündigt habe, er werde am kommenden Wochenende auf dem Duisburger Parteitag nicht mehr für das Amt eines Bundessprechers kandidieren. Denn nun sei das Maß doch wirklich voll.

Die Natur hat Lukas Beckmann, Jahrgang 1950, mit beachtlicher Körperlänge beschenkt, so daß er auf die meisten Frager mit fast unbegrenzter Geduld herabblicken kann, stets eine Hand im Vollbart. Er gehört zu den seltenen Menschen, die zum einen schweigen und zum anderen eine Antwort ohne Verlegenheit gründlich bedenken können, kein Schnellschießer wie Joschka Fischer und keine ätzende Kodderschnauze wie Thomas Ebermann; ja, er vermittelt leicht den gefährlich falschen Eindruck, als sei er wohl zuverlässig, aber sonst doch etwas langsam. "Lukas locutus, causa perturbata", hat ihm ein Ehrgeiziger einmal nachgesagt (der dann bei den Grünen nichts geworden ist); aber daß eine Sache sich verwirre, wenn er darüber spreche, stimmt nur unter einer – freilich auch bei den Grünen häufigen – Voraussetzung: Man hat nicht so genau hingehört oder wollte nicht zuhören. Denn bequem hat es der Westfale Freunden und Gegnern nie gemacht, und die bedächtige Kunst, zwischen den Zeilen zu schreiben und zwischen den Wörtern zu sprechen, ist ihm so eigen, daß seine zahlreichen Gegner ihn "ehrgeizig" (in der höflichen Version) oder "falsch" nennen (wenn sie an seinem Gleichmut wieder einmal aufgelaufen sind).

Dabei hat das, was er in seiner Presseerklärung vom 22. April ausbreitete, einmal zum Selbstverständnis der grünen Gründer gehört – eine offene Partei, die sich der gesäßgeographischen Bestimmung entzieht, nicht links-mitte-rechts, sondern anders, offen, eben quer. Nicht er habe sich verändert, sondern die Partei. Unbeweglich sei sie geworden, "es fehlt das spielerische Element", das Lagerdenken feiere Triumphe, nicht nur links bei Rainer (Trampert) und Jutta (Ditfurth), sondern auch rechts, bei der Borniertheit der Realos – "Fundis gibt es längst auf beiden Seiten", und das zu bestreiten, nun ja, das zählt dann eben zur "Mythenbildung innerhalb der Grünen".

Diese unheilvolle Fixierung auf die SPD – für die Realos der einzige denkbare Partner, für die "stumpfgeistigen" Fundis die Partei, der man die Wähler abspenstig machen müsse, dieser "Mangel an Beweglichkeit", der jedes Ausgreifen verhindere – das liegt ihm quer. "Wir brauchen eine eigene Grundwerte-Diskussion", einschließlich Christentum und Liberalismus, "langfristig werden wir ohne das nicht überleben – aber Lagermentalität schließt halt den erweiterten Blickwinkel aus."