Von Heinz Suhr

Augsburg

Der Bayerische Rundfunk lehnte den Film „Der Al Capone vom Donaumoos“ ab: „zu brisant“. Er erzählt die Geschichte vom „Ausbrecherkönig“ Theo Berger. Anders als der wirkliche Al Capone, hat Berger seine Heimat nie verlassen. Krank sitzt der verklärte Räuberheld seit vielen Jahren im Straubinger Gefängnis. Während der „Tage des unabhängigen Films“ vor zwei Wochen in Augsburg stieß der Streifen auf so starkes Interesse des Publikums, daß er demnächst auch ohne den BR in den Dörfern des Donaumooses zu sehen sein wird: Ein Kino-Mobil wird den Dokumentarfilm in die Wirtshausstuben bringen. Eifrige Diskussionen über Mythos und Wirklichkeit Theo Bergers sind zu erwarten.

Neben Oliver Herbrichs Donaumoos-Capone werden auch andere Filme den Weg in die süddeutsche Provinz finden, per Tournee oder per Kino-Mobil. So sollen der Öko-Film „Die Rache der Natur“ und Videos über die WAA in der Oberpfalz die Lust auf Wirklichkeit erhöhen, die dem (bayerischen) Publikum durch ihren staatsnahen Sender ausgetrieben wurde – das jedenfalls wünschen sich die Veranstalter der Augsburger Filmtage. „Viele der ehemaligen Dorfkinos wurden in den letzten Jahren in Discos umfunktioniert“, berichtet Franz Fischer, Mitinhaber eines Druckladens und Initiator des regionalen Filmforums. Auf dem Lande stirbt die Kinokultur, und in den Städten sieht es nicht viel besser aus. Auf einen anspruchsvollen Film kommen sechs schlechte.

Rund 50 Regisseure, mehr oder weniger professionelle Filmemacher und Videoproduzenten, wagten in Augsburg den Versuch, mit ihren 110 Produktionen die ganze Breite des kritischen Films in Brechts Geburtsstadt Revue passieren zu lassen. Vom 70-Sekunden-Clip „Das Asylrecht lebt dadurch, daß es in Anspruch genommen wird“ (Die Thede, Hamburg, 1986) bis zu Gisela Tuchtenhagens fünfstündigem Epos „Heimkinder“, vom Deutschen Jugend-Videopreisträger 1986 „Noch leb ich ja“ (Thema: Aids) bis zum Anti-Apartheid-Film „Wo liegt Azania“ (B. O. A., München 1986) – die Arbeiten griffen vorwiegend Themen auf, von denen sonst im Freistaat wenig zu hören und zu sehen ist.

Viel bajuwarisch-österreichischer Konfliktstoff hat sich angesammelt – da waren die unabhängigen Filmtage wie ein kleines Stück Wiedergutmachung am Nachbarn. Die Werke „Dahoam is dahoam“ von Christof Schertenleib und „Aufhören – Zuhören“ von Heinz Trenczak wurden auch im schwäbisch-bayerischen Raum verstanden als neuer Versuch, die eigene kulturelle Identität diesseits von Hamburgerketten und synthetischer Musik zu finden. Filme wie „Dschungelburger“ oder „Spaltprozesse“, die im normalen Kinoprogramm nie Platz finden, sind Publikumsrenner.

„Wir wurden regelrecht eingedeckt mit Low Budget-Filmen“, sagt der 28jährige Thomas Gerstenmeyer, Student und Mitorganisator der Filmtage ein klein wenig stolz und hilflos zugleich. Mit drei- bis viertausend Zuschauern, darunter viele aus Schulen, Jugend- und Kirchenzentren, gerieten die Augsburger Filmtage zu einem kulturpolitischen Ereignis ohne die übliche Glanz- und Glimmerschickeria. Es belegte, daß trotz aller Einschüchterungsversuche aus München noch Kritisches aus der Provinz zu verzeichnen ist. Immerhin 18 Organisationen hatten sich als Träger beteiligt; lokale wie der Stadt jugendring und die Katholische Landjugend, bundesweite wie die Aids-Hilfe und der Bundesverband Studentische Kulturarbeit. „Hätte es das Städtische Kulturamt organisiert, wäre eine Million billig gewesen – wir haben es mit rund hunderttausend Mark geschafft“, sagt Franz Fischer. Dafür waren viele Stunden nahezu ehrenamtlicher Tätigkeit vonnöten.