Von Georg Eyring

Mir graust vor einem solchen Ende, nicht weil es das Ende, sondern wie es so elend ist und einem Theodor Lessing anstehen mag, aber nicht mir", schreibt, um niemand als sich selber besorgt, Thomas Mann in sein Tagebuch, als Theodor Lessing am 31. August 1933 im Marienbader Exil von Nazis nachts im Arbeitszimmer seiner Wohnung ermordet worden war.

Der Haß war alt und saß tief. Ein Vierteljahrhundert zuvor hatte Lessing in der Schaubühne den Publizisten Samuel Lublinski als "espritjüdischen" Besserwisser satirisch attackiert: "Das Menschengeschlecht mit all seinen zufälligen Göttern und Idealen muß versinken. Aber auf den Trümmern des Kosmos sitzt der kleine Samuel Lublinski aus Pinne. Er streckt stolz sein Bäuchlein in den leeren Weltraum und zieht Bilanz."

Daß Thomas Mann für Lublinski eintrat, weil dieser ihn nicht nur gelobt, sondern "gescheit" gelobt hatte, mochte hingehen. Jedoch gegen Lessing geriet der sonst stets um Noblesse bemühte Hansestädter in antisemitische Rage wie nie zuvor und nie danach: "Dieser benachteiligte Zwerg, der froh sein sollte, daß auch ihn die Sonne bescheint", ... "dieser ewig namenlose Schlucker", der sich als "Schreckbeispiel schlechter jüdischer Rasse durchs Leben duckt".

Der Fall ist typisch.

"Eine Situationsanalyse vom Nutzen und Nachteil der jüdischen Assimilation in Deutschland" nennt Lessings erster Biograph Rainer Marwedel diese Kontroverse. Marwedel setzt Lessings Leben und seine Philosophie in Beziehung zu den gesellschaftlichen Zuständen und Veränderungen seiner Epoche. Aus dieser Entwicklungsgeschichte erscheinen Lessings Widerspruch, sein integres Außenseitertum und die Verfolgungen und Widrigkeiten als Folge der politischen Zeitumstände.

Das gründliche Buch gibt Antwort auf die Frage, warum Lessing mit dem Leben bezahlen mußte, weil Deutschland so und er anders waren. Als ein vom Vater, dem feschen Modearzt, verachtetes Kind einer schrecklichen Ehe wuchs er auf, zudem vom Antisemitismus der Gründerjahre umstellt und gedemütigt. Theodor Lessing wurde und blieb ein Einzelgänger, dem die in der bürgerlichen Gesellschaft herrschenden Übereinkünfte fremd waren. Unbestechlich gegenüber Gruppeninteressen verfolgte er höchst aufmerksam die Zeitläufte, sensibel für die Not, die zentrale Kategorie seiner Philosophie; begabt mit Selbstironie und dem Witz der Verzweifelten, der in Deutschland stets die Wut schäumen läßt. Antisemitismus, der ihm entgegenschlägt, ist Unterlegenheitsgefühl. Aber auch jüdischer Selbsthaß, über den er ein Buch schrieb, konstituiert sein Leben. Freud hat ihn an Lessing so analysiert: "Er mag in der Art zustande kommen, daß man seinen Vater intensiv haßt und sich doch mit ihm identifiziert, daß ergäbe den Selbsthaß und die auffällige Zerrissenheit. Doch wurde Lessing ein "(nicht unkomplizierter) Mann der Menschlichkeit", wie Kurt Hiller ihn nannte, ein "stiller Verfasser volkstümlicher Literatur – die gewiß oft biß".