Die „Soldaten ziehen ab“. Für die Drei Schwestern von Tschechows gleichnamigem Drama (1900) ein Grund zu Trauer: Wieviel Leben hat die Brigade des vor einem Jahr gestorbenen Generals-Vaters in die russische Provinz-Stadt gebracht.

Die „Soldaten ziehen ab“. Für die Drei Schwestern von Volker Brauns „Komödie“ genanntem, finsteren Drama „Die Übergangsgesellschaft“ (1982) ein Grund zur Freude (oder doch Hoffnung): Wieviel Tod hat die Soldateska aller Länder in den drei Generationen, zwei Weltkriegen seither über die ganze Welt gebracht.

Im Gutshaus der verwaisten Drei Schwestern, an einem inzwischen „trübe dampfenden Fluß“ und auf der „halb von Müll verschütteten Terrasse“ in der DDR, versammelt Volker Braun für sein schon 1982 geschriebenes Stück, dessen Wahrheiten die DDR-Oberen auf ihren Staatsbühnen bis jetzt nicht gespielt sehen mochten, noch einmal das Ensemble Tschechows. So hofft er, Kritik an einer (keineswegs nur sozialistischen) Übergangsgesellschaft am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts vorbringen zu können.

„Jetzt machen wir den Vorhang zu und warten, wie es weitergeht“, heißt es in diesem nach Tschechows „Drei Schwestern“ geschneiderten Stück. Die noch immer unglücklichste der Schwestern, die inzwischen zur Archivarin in einem Historischen Institut aufgestiegene Mascha, antwortet: „Auf Moskau. Auf den Frieden. Daß die Soldaten abziehn.“

Wollte nicht Michail Gorbatschow bei seinem Prager Frühlings-Besuch vor ein paar Tagen verkünden, „daß die Soldaten abziehn“? Warten wir auf solche Erklärungen nicht aus Afghanistan, aus Nicaragua?

So doppeldeutig klingt vieles im neuen Stück von Volker Braun, das jetzt in Bremen (Regie: Torsten Fischer) zum ersten Mal auf die Bühne kam. Bremen, eines der ehrgeizigsten Theater zur Zeit, hat sich Mühe gegeben. Was wäre sinnvoller, als einen Dramatiker, der 1985 den Bremer Literaturpreis (für seinen „Hinze-Kunze“-Roman) erhalten hat, mit der Uraufführung eines bislang in der DDR verschmähten Stückes zu ehren. So inszeniert Torsten Fischer am 23. April, im hellen Sommersaal eines Landhauses (Bühnenbild und Kostüme: Bernd Damovsky), Tschechows traurige Komödie und einen Abend später Brauns düstere Komödie im selben Bühnenbild, mit denselben Schauspielern. (Günter Krämer brachte ein paar Wochen vorher schon Tschechows „Möwe“ heraus.)

Solche Hilfestellung ist nötig für ein Stück, das für die Verhältnisse in der DDR geschrieben ist. Was Volker Braun vor fünf Jahren geschrieben hat, ist nichts anderes, als was Gorbatschow heute verlangt, wogegen sich Brauns Braunkohle-Land aber sträubt: die Forderung nach Demokratisierung. „Sie wagen nicht zu denken, was sie wissen. Sie sind vollauf beschäftigt zu vergessen, um nicht handeln zu müssen“, klagt eine der Schwestern. Und ein (von den eigenen Genossen zehn Jahre im Kerker gehaltener) Alt-Kommunist sagt: „Die Revolution kann nicht als Diktatur zum Ziel kommen.“