Von Verena Auffermann

Jetzt haben die Männer gut lachen. Das weibliche Denkmal ist da. Eine dreieckige Tafel, gedeckt für neununddreißig Frauen. Jedes Gedeck ein Fetisch, jedes Symbol ein Schrei. Judy Chicagos "Dinner Party" ist reinster amerikanischer Kitsch. "It’s a piece of art", sagt die Künstlerin. Wir nicken, weil Selbstbewußtsein auch ein Kunststück ist.

Der Frauenbewegung haben wir Augen, die klarer sehen, Ohren, die differenzierter hören, einen Mund, der lauter spricht, einen Fundus für Magister- und Doktorarbeiten und Judy Chicagos "Dinner Party" zu verdanken. Hinter dieser kolossalen Totentafel steckt ein janusgesichtiges Konzept.

Als Judy, die sich Chicago nennt, weil sie dort vor achtundvierzig Jahren geboren wurde, 1974 diese Arbeit begann, lebte die (kalifornische) feministische Liga im Rausch. Die "Mägde des Herrn" sahen sich nach neuer Daseinsberechtigung um. Als weiblicher dem ex machina heuerte Judy Chicago 411 freiwillige Helferinnen an, um das Schweißtuch weiblicher Unterdrückungsgeschichte nachzusticken und den Gang der Geschichte zu wiederholen. Mit jenem (blinden) Eifer, der es bis in unsere Zeit Männern leicht gemacht hat, Frauen zu übergehen, bestickten sie neununddreißig Altartücher (die Judy Chicago "Millennium-Läufer" nennt) in historischer Manier, zerstachen sich die Finger bei der feinen Handarbeit, webten und knüpften nach alten Vorlagen.

411 Frauen (und einige Männer) wiederholten Herrschafts-Geschichte und führten selbstlos Judy Chicagos Entwürfe aus, die sagt: "I am the artist." In ihren rosa Turnschuhen steht Judy Chicago, auch wenn sie zu ihrem dritten Ehemann, einem Photographen, sehr weit hochblicken muß, als Respektsperson auf dem Boden. Am Tag vor der Eröffnung der dreizehnten Weltreise-Etappe wiederholt die Künstlerin ihr Dogma: "The Dinner Party’ is a symbolic feast." Für die Frankfurter Mitarbeiter(innen) stiftete sie Kaffee und Kuchen. Die Torte ist dreieckig wie die gedeckte Tafel oben im Saal. Man muß die Feste planen, damit sie aufs richtige Datum fallen. In der Frankfurter Schirn gehen die Türen zum Frauengedenkbanquett als Ouvertüre zur Walpurgisnacht auf. Symbole sind unser ein und alles, denn wir übertreiben das Leben gern.

In der Weihestätte ist das Licht gedämpft. Die "Dinner-Party"-Inszenierung zielt auf das Gefühl, wie prächtig das funkelt und glitzert. Ist das Innere der 39 Kelche wirklich aus Gold? Der Fußboden changiert verführerisch. Hat Venus in einem mäzenatischen Akt all ihren Perlmuttvorrat geopfert? Das Ausmaß der dreieckigen Tafel ist gewaltig. Jeweils fünfzehn Meter messen die Flanken. Dreizehn Gedecke auf jedem Tisch. Altarläufer, Teller, Kelch, Messer und Gabel.

Die Geschichte der "historischen Unsichtbarkeit der Frauen" beginnt bei der Urgöttin ("Primordial Goddess"). Zwei Felle ungeborener Kälber mit wenigen Muscheln bestickt sind die Unterlage für den Teller, dessen Bemalung wie all die der achtunddreißig anderen Höhepunkt und Niederlage Judy Chicagos künstlerischer Phantasie sind. Die Larve bis zur Karriere als Schmetterling ist ihr ikonographisches Modul. Der "Schmetterling als Symbol für die Befreiung und Sehnsucht nach Freiheit". Schmetterling aber auch als Sinnbild für die Vagina. Die Vagina ist nach Judy Chicagos Interpretation "das heilige Gefäß, das Tor zum Dasein und der Eingang zur Unendlichkeit".