Bundesverdienstorden für einen aidskranken Amerikaner

Von Raimund Hoghe

Düsseldorf

Als ich ihn vor anderthalb Jahren in der Düsseldorfer Aids-Hilfe zum ersten Mal sah und interviewte, wollte er noch anonym bleiben: kein Photo, ein anderer Name – ich solle ihn nur Steve nennen, schlug Scott damals vor. "Ich muß da noch in dieser Phase gewesen sein, das selbst zu akzeptieren", vermutet der 30jährige Amerikaner, der in Düsseldorf Medizin studierte. "Ich glaube, man braucht Zeit, sich an diese Krankheit zu gewöhnen. Vielleicht hatte ich auch Angst, daß das eine schlechte Auswirkung auf mein Studium haben könnte. Aber inzwischen habe ich gelernt: für meine Professoren war das überhaupt kein Problem. Die kannten mich als Patienten und Studenten. Die dachten, daß ich weitermachen könnte mit dem Studium, wenn ich wollte. Ich konnte offen sein", stellt er rückblickend fest, und: "Ich schäme mich überhaupt nicht, daß ich diese Krankheit habe. Ich finde es traurig, daß jemand sich schämt, daß er eine bestimmte Krankheit hat. Ich hatte einfach Pech, daß ich mit dem Virus Kontakt hatte. Ich hab’ einfach Schlechtes Glück gehabt."

Seit etwa sechs Jahren lebt Scott Barry mit dem Virus, den verschiedenen Stadien der Immunschwäche. Ende 1985, bei unserer ersten Begegnung, sah er sich "an der Grenze zu Aids", litt unter einer Gürtelrose, Fieber, Durchfall, Mundpilz. "Seitdem ich damals mit dir gesprochen habe, war ich dreimal im Krankenhaus – zweimal war es wirklich sehr ernst", berichtet er und erinnert sich an Zeiten, in denen er im Rollstuhl saß, ständig Nachtschweiß hatte, kaum noch Luft bekam, 20 Kilo Körpergewicht verlor. "Ich hatte dann eine schwere Lungenentzündung. Das war im Juli 86. Das war der Beginn vom Vollbild Aids. Von der klinischen, realistischen Seite sah es nicht so toll aus."

Alt mit 30

Zur Zeit habe er keine besonders starken Beschwerden. "Im Moment gerade habe ich Halsschmerzen. Ich kann auch nicht mehr laufen wie früher. Vorher hat es mir viel Spaß gemacht, am Rhein zu laufen; jetzt macht es mir Spaß, Spaziergänge zu machen – bin alt geworden mit 30", bemerkt der seit einigen Monaten wieder in Los Angeles lebende Aidskranke und lacht einmal mehr sein offenes Lachen. Dem Bild, "daß jemand, der Aids hat, aussieht wie einer, der gerade aus Auschwitz kommt", entspricht er nicht: Das jungenhafte Gesicht ist von der kalifornischen Sonne gebräunt, unter dem weißen T-Shirt mit der "Fighting for our lives!"-Parole zeichnen sich kräftige Muskeln ab.