Mit schweren Krawallen und Verwüstungen machte die Chaoten-Szene in Berlin-Kreuzberg wieder von sich reden.

Von „unglaublichen Exzessen der Gewalt und Zerstörung“ sprach der Berliner SPD-Vorsitzende Walter Momper, der die Kreuzberger Krawalle am vergangenen Wochenende teilweise miterlebt hatte. Der Kreuzberger SPD-Kreisvorsitzende Gerd Wartenberg meinte, die Kreuzberger hätten das Gefühl gehabt, sie seien dem Treiben der Randalierer hilflos ausgeliefert. Ein Feuerwehrmann fühlte sich an den Bürgerkrieg in Belfast erinnert.

Die schönen Reden und Kantaten zu Berlins 750-Jahr-Feier am Donnerstag im Congress-Centrum waren kaum verklungen, da ging es los. Nachdem Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen in seiner Jubiläumsrede gesagt hatte, die Solidarität zu Berlin werde auch „durch jedes substantielle Ja zu dieser Stadt“ ausgedrückt, erklärte die Chaoten-Szene – die viele längst für befriedet gehalten hatten – ihr substantielles Nein, nach dem Motto einer Parole in Kreuzberg: „750 Jahre Berlin sind genug“.

In der Nacht nach den Jubel-Feiern durchsuchte die Polizei im Auftrag der Staatsanwaltschaft ein Volkszählungsboykott-Büro im Kreuzberger Mehringhof und zog ab, ohne die Räume ordnungsgemäß zu sichern. So war die Stimmung zwar aufgeheizt, aber das erklärt nicht, was hernach geschah.

Am 1. Mai veranstalteten die Alternative Liste und die kommunistische SEW ein Straßenfest auf dem Lausitzer Platz. Vorsorglich hatte die Polizei dort 250 Beamte bereitgestellt. Denn, so ein Sprecher des Innensenators: „Wir wußten, daß sich in Kreuzberg etwas zusammenbraut.“ Aktionen anläßlich der 750-Jahr-Feier, des Volkszählungsboykotts und der Diskussion um die Mietenfreigabe in Berlin waren aufgrund von Beobachtungen der Szene erwartet worden. Aber niemand ahnte, daß sie so schnell und so heftig kommen würden.

Am frühen Nachmittag wurde am Lausitzer Platz ein leerer Funkwagen umgestürzt. Danach schien es wieder ruhig zu werden, bis dann kleine Gruppen von vermummten Personen anfingen, Steine zu werfen, Bauwagen umzuwerfen und Barrikaden zu bauen. Die Polizei reagierte kopflos, warf Tränengas in die Menge, kurvte mit Einsatzwagen über das Festgelände. Das mag dazu beigetragen haben, daß den etwa hundert Randalierern, laut Momper „in Bambule erfahrene Leute“, sehr bald auch andere beisprangen, die ursprünglich nichts dergleichen im Sinn hatten, darunter eine Schülergruppe aus Detmold, die „aus Spaß“ mitrandalierte.

Als die Veranstalter das Straßenfest gegen 19.40 Uhr abbrachen, war das Chaos nicht mehr aufzuhalten. Bald brannten Bauwagen und Autos, die Feuerwehr kam nicht mehr durch, die Brände zu löschen; ein Löschfahrzeug wurde von der Besatzung fluchtartig verlassen und brannte völlig aus; von überall her, auch aus Wohnungen und von Hausdächern, wurden Polizisten mit Steinen beworfen; es gab einen ersten Schwerverletzten.