Von Hans Otto Eglau

Am 4. Dezember 1942 berichtete die Congress Weekly, eine Zeitschrift des Jüdischen Kongresses in den USA, daß Informationen über den Massenmord an Europas Juden durch einen Deutschen mit hervorragenden Verbindungen zur höchsten Nazi-Führung über die Schweiz nach Amerika gelangt seien. Wer dieser Informant gewesen sei, wurde nicht mitgeteilt. Was als bis ins kleinste vorbereitetes, satanisches Vorhaben offenbart wurde, klang so unglaublich, daß selbst das Washingtoner State Department die Nachricht als „wildes, von jüdischen Ängsten inspiriertes Gerücht“ abtat.

Welcher Top-Informant über die „Endlösungs“-Pläne berichtet hatte, blieb auch nach 1945, als die planmäßige Ausrottung von Millionen Juden zur schrecklichen Gewißheit wurde, ein Geheimnis. Auch in den Nürnberger Prozessen und im Eichmann-Tribunal spielte die Episode keine Rolle. Die quälende Frage, wie viele Menschenleben unter Umständen hätten gerettet werden können, wenn die Amerikaner die ihnen zugespielten Informationen ernstgenommen hätten, führte schließlich auch auf die Spur des geheimnisvollen Überbringers. Den entscheidenden Anstoß zur Enttarnung gab der amerikanische Journalist Arthur Morse, der sich Mitte der sechziger Jahre Zugang zu den bis dahin unter Verschluß gehaltenen Akten des State Department und den Privatpapieren des seinerzeitigen Staatssekretärs Sumner Welles verschaffte. In seinem Buch „Die Wasser teilten sich nicht“ (1968) konnte er die Personenbeschreibung bereits auf den Chef eines Industrieunternehmens mit mehr als 30 000 Beschäftigten konkretisieren. Die Enthüllung des Kontaktmannes gelang jedoch erst den beiden Historikern Walter Laqueur und Richard Breitman in ihrem Buch „Breaking the Silence“, das jetzt auch in deutscher Übersetzung vorliegt:

Walter Laqueur/Richard Breitman: Der Mann, der das Schweigen brach – Wie die Welt vom Holocaust erfuhr; aus dem Englischen von Erwin Duncker; Ullstein Verlag, Berlin 1986; 304 S., 38,– DM.

Die entscheidende Entdeckung glückte Breitman Ende 1983 bei der Durchsicht der diplomatischen Akten der amerikanischen Botschaft in Bern im Washington National Records Center in Suitland/Maryland. In dem am 22. Oktober 1942 in die Zentrale übermittelten Bericht befand sich ein halber Bogen mit der Quelle der Information über die „Endlösung“: „Generaldirektor Dr. Schulte, Montanindustrie (Bergbau), in engem oder engstem Kontakt mit den maßgebenden Wirtschaftskreisen“.

Wer war dieser Dr. Schulte? Welche Kontakte und Beziehungen hatte er zu den Schlüsselfiguren des Dritten Reiches? Wodurch geriet er zu den Nationalsozialisten in Opposition? Wie konnte er über längere Zeit unerkannt intensive Kontakte zu ausländischen Geheimdiensten, zuletzt sogar zu dem in die Schweiz entsandten Allan Dulles pflegen? Laqueur und Breitman haben versucht, Licht in das Dunkel um die Person dieses großen Unbekannten zu bringen, der in keiner Abhandlung über den Widerstand verzeichnet ist. Ihn selbst befragen konnten sie nicht mehr. Schulte ist 1966 gestorben.

Es gelang den beiden Autoren durch zahlreiche Interviews mit Familienangehörigen, Freunden und Kollegen aus der Wirtschaft, ein einigermaßen anschauliches Bild seiner Person zu gewinnen. 1891 in Düsseldorf als Sproß einer großbürgerlichen, protestantischen Familie geboren, zog es Schulte nach seinem Jurastudium und der Promotion nach Berlin, wo er in die unter Carl Fürstenberg zu einer der größten deutschen Banken aufgestiegenen Berliner Handelsgesellschaft eintrat. Schon im jugendlichen Alter von 30 Jahren übernahm er die Leitung der Seifenfirma Sunlicht in Mannheim, 1925 wechselte er an die Spitze der oberschlesischen Giesche-Werke in Breslau, einem der größten Zinkhersteller Deutschlands.

In der aktiven Opposition gegen Hitler befanden sich Politiker, Diplomaten, Offiziere und Pfarrer, aber kaum höhere Ränge der Wirtschaft. Bei der Suche nach den Motiven für den abgrundtiefen Haß Schultes auf die Nazis tun sich die Autoren recht schwer. Monokausale Ursachen sucht man vergebens: „Er war weder ein Linker noch ein radikaler Demokrat, er gehörte keiner von den Nazis verfolgten religiösen Gruppe an, er war kein Freimaurer und auch kein Monarchist vom rechten Flügel. Er war kein Jude.“ Als Industrieller, zudem in einer kriegswichtigen Branche, hat Schulte nach allen verfügbaren Zeugnissen schon sehr früh die verbrecherischen Absichten Hitlers erkannt und den Friedensbekundungen der Nazi-Führer zutiefst mißtraut.

Nicht nur engste Kontakte zu den Berliner Wirtschaftsplanern erlaubten es dem Giesche-Chef, ab 1939 seine ausländischen Kontaktleute frühzeitig und teilweise detailliert über die Kriegsvorbereitungen Hitlers ins Bild zu setzen. Äußerst günstig fügte es sich, daß bei Giesche auch Otto Fitzner angestellt war, der als oberster Verwaltungschef des Bezirks Kattowitz im Umgang mit Informationen aus höchsten Quellen sehr sorglos verfuhr. Bereits im Oktober 1939 erhielt Fitzner den Besuch Adolf Eichmanns, der in geheimem Auftrag den Abtransport der Kattowitzer Juden nach Polen beaufsichtigte. Einer der engsten Fitzner-Freunde war überdies der 1941 zum Gauleiter von Niederschlesien ernannte Karl Hanke, unter den jüngeren NS-Führern ein besonderer Günstling Hitlers und vormaliger Staatssekretär in Joseph Goebbels’ Propagandaministerium. Als Glücksfall erwies sich für Schulte auch, daß sein sieben Jahre älterer Vetter Hermann, Inhaber einer der größten und bekanntesten, zuletzt jedoch vom modischen Zeitgeist überholten Berliner Kunstgalerien, durch Vermittlung von General Hans-Joachim Oster eine zwar nicht gerade exponierte, dafür jedoch mit Zugang zu hochbrisanten Informationen verbundene Aufgabe in der deutschen Abwehr übernahm. Er traf Eduard Schulte regelmäßig und dürfte, wie die Autoren vermuten, seinem Vetter kaum ein Geheimnis vorenthalten haben, zumal er ihm ohne jede Einschränkung vertraute.

Erheblich schwieriger als die frühzeitige Gewinnung von Erkenntnissen über die gerade bevorstehenden Aktionen der Nazi-Führung war es für Eduard Schulte, seine Informationen über zuverlässige Mittelsmänner den richtigen Adressaten zuzuleiten. Daß er häufiger in die Schweiz reiste, fiel nicht weiter auf; das für die Kriegswirtschaft wichtige Zinkgeschäft erforderte internationale Kontakte. Weitaus größer war die Gefahr, daß in der Schweiz, die während des Krieges Tummelplatz vieler ausländischer Geheimdienste war, etwas durchsickerte – ein Risiko, das Schulte durch eine besonders sorgfältige Auswahl seiner Kontaktleute zu minimieren suchte.

Was der Industrielle bei seinen konspirativen Zusammenkünften alles enthüllte, wird sich wohl kaum jemals vollständig rekonstruieren lassen. Fest steht nur, daß die Alliierten weitaus mehr als die Pläne für die Vernichtung der Juden von Schulte erfuhren. Schon im April 1941 traf er mit der Nachricht in Zürich ein, Hitler wolle die Sowjetunion angreifen. Sogar das genaue Datum für den Beginn des „Unternehmens Barbarossa“ hatte er erfahren. Den Schweizer Geheimdienst hielt er über die Gefahr einer Besetzung des neutralen Nachbarn durch deutsche Truppen auf dem laufenden.

Was Schultes Offenbarungen bewirkt haben, ob sie überhaupt Einfluß auf die Politik und Kriegsführung der Empfänger hatten, konnten die Autoren aus den verfügbaren Quellen nicht rekonstruieren. Eine Ausnahme bildet die Aufnahme der Holocaust-Enthüllungen. Nicht ohne Zorn schildern Laqueur und Breitman den von engstirnigem Bürokratendenken und empörender Ignoranz begleiteten Dienstweg der schockierenden Warnungen vom US-Konsulat in Genf über die Berner Botschaft bis in das Kompetenzen-Labyrinth des Washingtoner Außenministeriums. Das State Department hielt es weder für notwendig, die alarmierenden Nachrichten an Präsident Roosevelt weiterzuleiten, noch an ihren eigentlichen Adressaten, den Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, Rabbi Stephen Wise. Erst auf dem Umweg über London erhielt der Rabbi schließlich Schultes Botschaft – viereinhalb Monate nachdem dieser die Botschaft von der unmittelbar bevorstehenden „Endlösung“ überbracht hatte.

Ende 1943 setzte sich Eduard Schulte, von einem Berliner Freund mit engen Gestapo-Verbindungen vor einer möglichen Verhaftung gewarnt, in die Schweiz ab. Auf Bitten von Allan Dulles verfaßte er in den folgenden Monaten eine ausführliche Denkschrift über die wirtschaftliche Neuordnung Deutschlands nach dem absehbar gewordenen Kriegsende. Darin vertrat er die Meinung, daß wegen des Mangels an lebenswichtigen Versorgungsgütern eine völlig freie Wirtschaft nicht empfehlenswert sei. Statt dessen plädierte er für ein gemischtes System mit stark genossenschaftlichen Elementen. Dulles ließ seinen Gewährsmann auf eine Liste mit den Namen von Deutschen setzen, die nach der Niederwerfung Hitler-Deutschlands eine führende Position in der Wirtschaft übernehmen könnten.

Im August 1945 traf Eduard Schulte in Berlin ein – offiziell als Berater der amerikanischen Militärregierung. Doch in Wirklichkeit wurden seine Zeit und Kraft durch hartnäckig geführte Verhöre über seine politische Vergangenheit aufgezehrt. Obwohl ihm Dulles in einem Empfehlungsschreiben ausdrücklich bescheinigte, sich „in gleichbleibender Entschlossenheit für die Ideale und Prinzipien von Freiheit und Demokratie eingesetzt“ zu haben, mußte sich Schulte schier endlosen Verhören unterwerfen. Knapp ein Jahr nach seiner Heimkehr, als wirklich belastete Wirtschaftsführer längst wieder in ihre alten Stellungen strebten, kehrte Eduard Schulte Deutschland für immer den Rücken. Bis zu seinem Tode Anfang 1966 lebte er zurückgezogen in der Schweiz. Bei der Beisetzung im Düsseldorfer Familiengrab hielten die wenigen erschienenen Angehörigen und Freunde vergeblich nach Vertretern deutscher und ausländischer Institutionen und Organisationen Ausschau. Kein Nachruf gedachte seines Wirkens. Als die Witwe für Verluste in den ehemals deutschen Ostgebieten staatliche Entschädigungsleistungen beantragte, lehnten die mit dem Fall befaßten Richter den Antrag unter Hinweis auf die als Straftat zu wertende Weitergabe von Informationen an die Alliierten ab.

Es ist das Verdienst der beiden Autoren, einen Vergessenen aufgespürt und ins allgemeine Blickfeld gerückt zu haben, der sich in der Position eines Wirtschaftsführers zum „Verrat“ entschloß, um die Welt über die Pläne Hitlers aufzuklären. Überflüssige Randepisoden und in wörtliche Rede gekleidete Dialoge schmälern dieses Verdienst nicht. Daß Eduard Schulte an manchen Stellen, etwa in seiner Rolle als Giesche-Generaldirektor, doch recht blaß bleibt, hängt sicherlich vor allem damit zusammen, daß Laqueur und Breitman ihr Buch vor allem für amerikanische Leser geschrieben haben. Ein Grund mehr, daß sich vielleicht auch die historische Forschung in der Bundesrepublik eines Tages dieses geheimnisumwobenen, verdienstvollen Mannes annimmt.