Von Kay Ingwersen

Barsbüttel

Georg Rosenfeldt ist Doktor der Chemie. Das ist ganz praktisch jetzt, wo er weiß, daß er auf einer Giftmülldeponie wohnt: Da kann er abends im Keller im eigenen Labor feststellen, wie giftig seine Gartenerde ist.

Im schleswig-holsteinischen Barsbüttel, östlich von Hamburg, stehen 168 Häuser auf einer alten Müllkippe. 168 Familien haben hier vor zehn Jahren ihr Erspartes angelegt, das heute nichts mehr wert ist. Es ist die größte Siedlung auf vergiftetem Boden in der Bundesrepublik.

Vor einem Jahr tauchte im Hamburger Dioxin-Skandal um die Firma Boehringer erstmals der Name Barsbüttel auf. Es stellte sich heraus, daß die direkt neben der bebauten Deponie 78 gelegene Kippe mit der Nummer 80 vom Boehringer Geschäftspartner Friedrich Roggmann bestückt worden war. Die aufgeschreckten Siedler gründeten eine Interessengemeinschaft und befragten alteingesessene Anrainer. Die erinnerten sich noch sehr gut an die Laster, die in die offiziell nur für Bauschutt und Hausmüll zugelassene Deponie auch Fässer mit Lösungsmitteln abkippten. Sie erzählten auch, daß die Feuerwehr sich wegen der Häufigkeit von übelriechenden Bränden bald weigerte, überhaupt noch auszurücken.

Die Behörden müssen von dem explosiven Untergrund gewußt haben, denn bevor gebaut wurde, war die Tragfähigkeit des Bodens untersucht worden. Wegen der bekannten Ablagerung von Industriemüll wurde die Siedlung 1977 auf 2500 im Grund verrammten Betonpfeilern gebaut. Genützt hat die aufwendige Konstruktion nichts, denn alsbald sackte der Müll in sich zusammen und setzte Faulgase frei.

Bei Familie Birowicz im Erlenring 8 senkte sich der Boden vorm Haus, so daß ihr Garten bald nur noch durch einen Sprung von der Wohnzimmertür aus zu erreichen war. Sie schaufelten Erde auf und installierten später sogar eine Treppe – doch auch die zeigt schon Risse. Bei den Leppiens im Lindenweg 3a drohte das Fundament zu brechen. Zwei neue Stützpfeiler mußten unter das Haus gesetzt werden. In einigen Häusern standen unversehens die Keller unter Wasser. Durch das Absacken des Bodens waren die Regenwasserleitungen gebrochen. Der Familie Schildt im Erlenring 6 schoß beim Öffnen der Kellertür eines Tages eine Stichflamme entgegen. Durch Risse im Mauerwerk war Methan eingedrungen und hatte sich nach der Vermischung mit Luft entzündet. Daß die Bewohner der Siedlung es nicht nur mit explosiven Gasen zu tun haben, hat Georg Rosenfeldt nachgewiesen. Er fand Benzol, Phenol, polyzyklische Aromaten und Altöl. Dies sind Stoffe, die Krebs erregen können oder das Nervensystem angreifen. Für die Interessengemeinschaft, der sich inzwischen über 130 Familien angeschlossen haben, gab es aus den Ergebnissen nur einen Schluß: Der selbst bezahlten Ansiedlung muß die staatlich finanzierte „Absiedlung“ folgen. Beispiel ist das westfälische Bielefeld-Brake, wo 35 Häuser auf Galvano- und Karbidschlämmen hochgezogen worden waren. Dort bewilligte die Stadt 20 Millionen Mark, damit die Bewohner sich anderswo Häuser kaufen konnten.