„Schönheit der Sünde“ von Živko Nikolić

Oben in den Bergen von Montenegro ist das Leben archaisch. Man tut seiner Frau ein Tüchel übers Gesicht, wenn einen die Begierde packt, und wenn sie fremdgegangen ist, legt sie sich ein frisches Brot auf den Kopf, auf welches man mit einem Vorschlaghammer haut, und daran stirbt sie dann. Unten an der Küste herrscht dagegen der Tourismus, und die Sitten sind ähnlich verbissen, nur eben locker. Islam im Oberland, FKK im Unterland, Fundis allewege.

Die frischverheiratete Jaglika aus den Bergen (mit ganz großen Augen und Beschützerinstinkte weckendem Damenbart: Mira Furlan) jobbt als Stubenmädchen in der Nudisten-Kolonie und beobachtet ein reichlich unbekümmertes Britenpärchen beim Turteln. Sie läßt sich von den beiden umgarnen, und das Ganze gipfelt in einem in Zeitlupe aufgenommenen, sogenannten Unflotten Dreier. Nun hat sie die Schönheit der Sünde kennengelernt und will mit ihrem Mann auch mal ohne Tüchel.

Wird er daran zerbrechen? Wird sie daran zerbrechen? Wird der verlogenen Doppelmoral ein Spiegel vorgehalten werden? Wird sich die jugoslawische Handelsbilanz erholen? Ja und nein. Die Besten gehen eben drauf, lernen wir, und den Miesen geht es gut, aber auch das ist Gott sei Dank gar nicht wahr.

Denn wer sagt, dies sei ein Film über den Zusammenprall zweier unvereinbarer Kulturen, der lügt. Er ist eine Huldigung an jene, die keiner Huldigung bedürfen: an die große, dicke Mehrheit, die säuft, hurt, singt und Geschäfte macht, ein Panegyrikos an jene namenlosen Helden, denen der Islam zu doof und der Nudismus zu dämlich ist.

„Den meisten Leuten“, sagt Regisseur Zivko Nikolic, „hat mein Film nicht gefallen, aber sie haben sich ihn trotzdem achtmal angesehen.“ Denn wir, die wir Leute sind, sehen es ganz gern, wenn die vorbildlichen Menschen vorbildlich scheitern oder doch zumindest abreisen. Denn dann kann man wieder ein Leben mit kleinen Fehlern führen; so ein Leben, und sei es noch so dürftig, führt man, wenn man darf, gern mindestens achtmal.

Jemand, der kein Jugoslawe ist, braucht sich den Film nicht achtmal anzusehen. Nur etwa einmal. Harry Rowohlt