Plädoyer für eine neue Form des Dienstrechts

Von Hans Fenske

Aus vielfältigen Gründen konnte sich die moderne Bürokratie erst seit dem späten 18. Jahrhundert entwickeln. Die Freisetzung der bürgerlichen Gesellschaft, die Entstehung des Rechtsstaates und die Ausbildung der damit notwendigen administrativen Strukturen gehören in einen engen Zusammenhang. In Deutschland war Bayern der erste Staat, der sich für das moderne Berufsbeamtentum entschied, nicht Preußen, in dem die ältere Literatur immer wieder das entscheidende Vorbild sah. An Studien zur Verwaltungsgeschichte, die nicht nur größere Zeiträume umfassen, sondern auch die deutsche Staaten-Gesamtheit behandeln, fehlt es freilich durchaus, so daß es für den daran Interessierten nicht ganz leicht wird, sich die großen Entwicklungslinien zu vergegenwärtigen. Das Buch von

Bernd Wunder: Geschichte der Bürokratie in Deutschland; (Neue Historische Bibliothek, edition suhrkamp 1281); Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1986; 232 S., 14,– DM,

ist deshalb sehr zu begrüßen; sein Verfasser beschäftigt sich seit langem mit dem Bürokratisierungsprozeß in Deutschland, namentlich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und ist somit ein ausgezeichneter Kenner der Materie.

Im Mittelpunkt der Darstellung steht die Verwaltung im eigentlichen Sinne, also das, was landläufig Bürokratie genannt wird, aber auf die Betriebsbeamten bei Eisenbahn und Post, auf die Lehrer und auf andere Gruppen, die nicht administrativ tätig sind, wird doch stets mitverwiesen. Wunder behandelt also den gesamten öffentlichen Dienst während der zurückliegenden 200 Jahre, mithin ein riesiges Feld. Das Buch bietet mehr, als der etwas enge Titel verspricht.

Das Ziel der kurz nach 1800 einsetzenden neuen Beamtenpolitik war die Schaffung eines Organs, das der Regierung unabhängig von allen gesellschaftlichen und ökonomischen Gegebenheiten zur Verfügung stand und das deshalb die Sicherheit lebenslänglicher Anstellung genießen sollte. Mittel zu diesem Zweck waren die Festlegung eines gestuften, klar geregelten Ausbildungs- und Prüfungswesens, die Formulierung eines differenzierten öffentlichen Dienstrechts und, was Wunder nachhaltig unterstreicht, die Entwicklung eines Systems von Belohnungen durch Beförderungen, Besoldungsregelungen und zusätzliche Ehrungen, wie etwa die Vergabe von Orden. Das Beamtentum wurde so zu einem besonderen, künstlichen Stand. Die Ausbildung dieser Institution war kurz nach der Mitte des 19. Jahrhunderts abgeschlossen. Durch die Revolution von 1848/49 und die beamtenrechtliche Reaktion darauf wurde der Bau vollendet.