Von Viola Roggenkamp

Die Alster liegt da wie ein Scheuerlappen, grau und schmuddelig und so unmittelbar unterhalb der großen Fenster, als gäbe es zwischen dem Hotel und dem Wasser keine Straße. Doch die Perspektive aus der Empfangshalle ist eine Täuschung. Zwischen dem „Vier Jahreszeiten“ und der vor sich hin schwappenden, fahlen Alster liegt der Neue Jungfernstieg, und wenn der Himmel darüber mal blau sein sollte, sieht das alles zusammen sehr ansehnlich aus.

„Ja, wenn! Aber das Wetter ist in Hamburg ja oft gar nicht gut.“ Die Schauspielerin Edda Seippel sagt es. Ihr Gesichtsausdruck ist eine Mischung aus Vorwurf und Enttäuschung, ihre Stimme schwingt in gedehnter Unleidlichkeit. Wenn es nicht irgendwie ungehörig wäre, würde man sie jetzt gern bitten, doch genau in diesem Ton noch den einen oder den anderen Satz zu sagen. Etwa: „Wie isses nun bloß möchlich!“ – oder: „Man bittet, man fleht!“ Aber das geht nicht. Schauspieler sind keine Papageien, bei denen man wohlbekannte Zitate einfach abrufen dürfte, im Fahrstuhl, auf dem Weg zum Hotelzimmer oder jetzt im Restaurant. Es wäre allerdings „zu und zu schön“.

Beim Essen hat sie dem grauen Hamburger Wetter den Rücken zugekehrt. Das Zwielicht tut ihr in den Augen weh. Wenn sie es könnten, die Angestellten des Hotels würden ihr zuliebe auch die Wetterlage ändern. Und siehe da, der Ober erscheint. Das hat er schon ein paarmal getan, um sich zu erkundigen, ob es Frau Seippel auch schmecke. Jedesmal hat sie ihn mit fröhlichen Augen und ermunterndem Singsang beruhigt: „Ja, wirklich, es ist alles wunderbar.“ Und dann, sozusagen beiseite, von heiterem Gekicher begleitet und aus amüsiert verzogenem Schnütchen: „Sie sind alle so gut zu mir hier.“

Aber diesmal will der Ober etwas anderes. Sie sieht auf: „Jaha?“ – „Ich wollte nicht stören“, entschuldigt er sich, dabei leicht vorgebeugt, „ich wollte nur sagen, Frau Seippel, die Sonne scheint.“

Bis zu der Fernsehverfilmung von Walter Kempowskis Familienroman „Tadelloser & Wolff“ unter der Regie von Eberhard Fechner war Edda Seippel ein Geheimtip unter Theaterbesuchern und Freunden des deutschen Fernsehspiels. Seit ihrer Darstellung der Margarethe Kempowski aber ist sie in aller Munde. Nicht etwa als eine unverbesserliche Fernsehmutter, sondern als Edda Seippel.

Für diese Rolle hat sie vieles aus ihrer eigenen Familie bezogen, sagt sie, Tanten, Freundinnen der Mutter, Gestalten, die sie noch im Kopf hat, Eigenarten, typische Bewegungen. Was sie sieht, merkt sie sich, was sie davon gebrauchen kann, entscheidet sie später. Sprache und Optik müssen stimmen. Sie legt großen Wert auf gutes Deutsch und visuelle Glaubwürdigkeit. Für beides hat sie ein bemerkenswert gutes Gedächtnis.

Es ist vor allem ihre Stimme, der unverwechselbare Tonfall, der einen wesentlichen Teil ihrer Schauspieler-Persönlichkeit ausmacht.

Sie spricht gedehnt und kann auf einem Vokal bis zu drei Töne unterbringen. Das kann gelangweilt klingen oder auch larmoyant und naiv pikiert bis extrem verärgert. Die Wirkung ist belustigend, anrührend, auch vernichtend. Wenn sie lacht, sich freut, wird daraus übermütiges Erstaunen und die Stimme tiefer.

Sie kann auch ganz hart sein, schneidend metallisch im Ton. Wenn es die Stimmung erfordert, wechselt sie über zwei Oktaven innerhalb eines Satzes. „Ihre hohen Töne! Ich frage mich, aus welchen Regionen beziehen Sie die eigentlich?“ Fritz Kortner hat mit ihr in Frankfurt gearbeitet, nach 1945. Unter der Regie von Hermine Körner hat sie in Hamburg Schillers „Maria Stuart“ gespielt. Sie hat mit Werner Krauß im Hauptmann von Köpenick auf der Bühne gestanden und dann nach dem Krieg in der Hamburgischen Staatsoper unter der Regie von Günther Rennen als „Johanna auf dem Scheiterhaufen“ gastiert, eine zeitgenössiche Oper von Claudel/Honegger.

Edda Seipel arbeitet seit 50 Jahren in ihrem Beruf. Die Bühnengenossenschaft hat ihr jetzt die „Goldene Nadel“ verliehen. Sie sieht etwas betreten drein: „Mein Mann hat gerade angerufen, ob ich mich schon bedankt habe.“

Im Dezember 1919 wurde Edda Seippel in Braunschweig geboren. Schauspielerin sollte sie nicht werden. Die Familie mütterlicherseits von gediegener und teilweiser auch wohlhabender Bürgerlichkeit. „Wir waren die armen Verwandten. Mein Bruder durfte studieren. Ich nicht.“

Aber Edda Seippel wußte bereits als Elfjährige, was sie werden wollte: Ballettänzerin. Für 40 Mark, das „Geburtstags- und Weihnachtsgeld von den reichen Verwandten“, erstand sie ein Grammophon mit Kurbel und zwei Schallplatten. Mit einem ausgedachten und selbsteinstudierten Hampelmann-Tanz stellte sie sich der Braunschweiger Ballettschul-Meisterin vor, das Grammophon und die Platten unterm Arm. Die begann, das talentierte Kind sofort unentgeltlich auszubilden.

Schon drei Jahre später stand Edda Seippel im „Kabarett der Namenlosen“, eine Art Braunschweiger Talentschuppen, auf der Bühne – und anderntags in der Zeitung. Der Lokalberichterstatter schrieb anerkennend: „Was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten.“ Edda hatte sich nämlich zunächst geweigert aufzutreten, weil ihr das Publikum zu laut und unruhig gewesen war. Auf die Zuschauer machte das Eindruck. Auf ihren Lyzeumsdirektor auch. Sie wäre von der Schule geflogen, wenn sie nicht freiwillig gegangen wäre.

Es trat der Familienrat zusammen und befand, wenn es denn Theater sein müsse, dann lieber Schauspielerin als Tänzerin! Eine Art Vertrag wurde geschrieben, nach dem Edda Seippel den Ausbildungskredit auf den Pfennig an den Familienclan zurückzuzahlen hatte. Die erste Gage der damals 17jährigen betrug am Theater von Neustrelitz 140 Mark.

In den zwölf Jahren des Dritten Reiches hat sie weitergearbeitet, aber politisch wach, auch durch ihren persönlichen Hintergrund: Ihre Mutter („Lüneburgs erste Lehrerin“) gehörte der Friedensgesellschaft an, ihr Vater kam aus einer Buchhändlerfamilie, die allerdings erzkonservativ war. „Kunden, die Bücher von Gerhart Hauptmann haben wollten, wurden von meinem Großvater zurechtgewiesen: ‚Was? Ein Mann, der ‚Die Weber‘ geschrieben hat? Verlassen Sie mein Geschäft!’ Meine Eltern waren nicht in der Partei. Und ich auch nicht. Am Theater informierte man sich vorsichtig darüber, wer einem gefährlich werden konnte. Die schlechtesten Schauspieler waren Parteimitglieder. “

Was gehört zu Ihrem Beruf? Ihrer Meinung nach das, was für alle kreativ arbeitenden Menschen wichtig ist: Fleiß, Disziplin, Distanz wahren zu können, Leidensfähigkeit, Phantasie und noch einmal Fleiß. „Es ist alles schwer erarbeitet.“

Und wie arbeitet Edda Seippel? „Ich bin in der glücklichen Lage, nein sagen zu können. Ob ich eine Rolle annehme, entscheidet das erste Lesen.“ Und das sei wie eine „heilige Handlung“. Liegt das Rollenbuch da, darf das Telephon nicht mehr klingeln „und wenn, beantwortet es mein Mann im Flüsterton“, während Edda Seippel auf dem Biedermeier-Sofa in der Münchener Wohnung sitzt und liest. „In völliger Stille, Seite um Seite. ‚Du buchstabierst das Buch ja wieder mal‘, sagt dann mein Mann.“

Ist die Rolle akzeptiert – „ich spiele auch kleine Rollen, wenn es gute Rollen sind“ – beginnt die Arbeit: Morgens von fünf bis sieben Uhr Text lernen bei einer Tasse Kaffee. „Dann kommt mein Mann und macht leise Frühstück. Beim Essen erzähle ich ihm dann von dem Stück: Ich spreche über ‚die Rolle‘, nach einer Weile über ‚die Frau‘, die ich spielen soll, und allmählich verändert sich das in meiner Sprache. Nach einer gewissen Zeit spreche ich von ‚mir‘: Ich bin es. Ich sage: ‚ich‘.“

Dazu kommt eine intensive Phantasiearbeit: „Ich muß mir ja eine Vorstellung von den Leuten machen, die in Stücken namentlich genannt werden, aber gar nicht auftreten. Und ich muß seelische Abläufe sichtbar machen: Was denke ich, wenn mir dies oder das gesagt wird? Dieser Gedanke muß sich auf das Publikum übertragen. Auch wenn ich mit dem Rücken zum Publikum stehe, wissen die Leute, was ich denke.“

Den Text hat Edda Seippel im Kopf, bevor für sie die Proben anfangen, ob auf der Bühne oder vor der Fernsehkamera, wo meist nie chronologisch gedreht wird, sondern nach vorhandenen Kulissen, nach Drehort. Das könne die erste und die letzte Szene eines Stückes sein, hintereinander gedreht, und eben gespielt: „Da muß ich doch wissen, was dazwischen lag!“

Auf der Bühne wie im Fernsehstudio „geht nichts ohne maximale Konzentration“, sagt Edda Seipel, die heute 67 Jahre alt ist, die Begabung von ihrer Mutter hat, „den Geltungstrieb von meinem Vater“ und den gediegenen Fleiß einer Norddeutschen. Gerade in den vergangen zehn Jahren hat sie sehr viel gearbeitet. Unter anderem auch in „Gin-Romme“ ein Zwei-Personen-Stück mit Klaus Schwarzkopf, Regie Tom Toelle.

„Wir sind damit auf Tournee gegangen. Fast 200 Vorstellungen. Und wir wurden immer besser. Die Nähe eines Partners zu ertragen, geht für beide ja gar nicht ohne Disziplin und Respekt. Wir sahen uns morgens beim Frühstück, nachmittags beim Spaziergang und abends auf der Bühne. Aber die Spannung ließ nicht nach durch die wachsende Sicherheit.“ Das Stichwort war nach der sechzigsten oder achtzigsten Vorstellung kein Stichwort mehr, „sondern ein Satz, dem man wirklich zuhören konnte“.

Der Augenblick vor dem Auftritt? Edda Seippel reißt die Augen auf: „Ich kriege jedesmal so wahnsinnige Angst, daß ich womöglich nicht rausgehe.