ARD, Donnerstag, 14. Mai: "Zwischen Haß und Liebe", Kinder von NS-Tätern berichten; Autor: Heribert Schwan

Was bedeutet es für die Kinder, die Jugendlichen und die Erwachsenen, zu ahnen oder zu wissen, daß ihre Väter Verbrecher von Staats wegen waren? Nachdem der Autor Peter Sichrovsky ein Buch mit dem Titel "Schuldig geboren" geschrieben hat, zog nun das Fernsehen nach mit einem Filmbericht von Heribert Schwan. Untersuchungsgegenstand: die nationale Schuld in der zweiten und dritten Generation. Interview-Partner: Kinder prominenter, meist in Nürnberg zum Tode verurteilter Nazis.

Vor der Kamera antworteten auf Schwans Fragen (Fühlen Sie sich schuldig? Was empfinden Sie für Ihren Vater? Hatten Sie Vor- oder Nachteile wegen Ihrer Herkunft?) der Sohn von Rudolf Heß, eine Tochter Viktor Bracks, des Leiters der NS-Euthanasie, der Sohn von Hans Frank, des Generalgouverneurs von Polen, eine Tochter des NS-Standartenführers und wehrwissenschaftlichen Zweckforschers Wolfram Sievers, eine Tochter Martin Bormanns und ein Enkel Baldur von Schirachs. Diese "Kinder" sind selber schon in den besten Jahren, haben ihrerseits Kinder, denen sie Fragen beantworten müssen, schon quälen sich die Enkel mit der Schuld.

Die Antworten? Vom Haß des Niklas Frank auf den "Kampfgefährten Adolf Hitlers" bis zum wohlwollenden Verständnis der Tochter Bormanns für ihren "guten Vater" ("Ich wünsche mir einen Mann wie ihn") kamen alle Varianten vor, die aggressiven Verdränger ("Nein, ich fühle mich schuldlos"), die reflektierenden Verdränger ("Massenhysterie gibt es heute auch"), die, die in sich selber die neuen Opfer sehen ("Ich habe Depressionen") und die, die mit der Last der Schuld leben.

Der größte Teil der Nazi-Kinder übrigens, die Schwan angeschrieben hatte, mochte sich nicht äußern, aber die Handvoll, die das Wort ergriff, dürfte repräsentativ gewesen sein für die Schuld-Verfassung der Mehrheit, das heißt, fast der gesamten mittleren und jungen Generation.

Denn Kinder und Enkel von Nazis, das sind wir ja beinahe alle, sind wir in der wahrhaftig erdrückenden Mehrheit unserer Bevölkerung, abzusehen wäre nur von den wenigen überlebenden Kindern von Opfern und Widerstandskämpfern. Wer, könnte man fragen, wäre nicht "schuldig geboren" oder müßte im Gedanken an die Eltern nicht hin- und hergestoßen sein zwischen "Liebe und Haß"?

Dadurch, daß Schwan sich in seinem Film auf die Kinder prominenter Nazis konzentriert hat, bekommt die Reportage einen extravaganten Appeal, und das ist ihr Fehler. Natürlich waren Schwans und mein und Ihr Vater nicht Hitlers Privatsekretär, aber was waren sie? Haben die Kinder von Nazigrößen schlimmere Gewissenskonflikte durchgemacht als die von Mitläufern? Offenbar nicht. Bormanns Tochter ist heute noch ganz einverstanden mit Papa, Heß jun. dito. Für die Kinder mancher Mitläufer trifft das ebenso zu. Auf die Prominenz also kommt es nicht an, wenn die Bewegung der Schuld-Staffette verfolgt wird. Jedenfalls nicht auf die Prominenz der Väter.