In den vergangenen Jahren war es still um ihn geworden. An den Universitäten gehörten die Arbeiten Gunnar Myrdals nicht mehr zum Standardrepertoire der Volkswirtschaftsstudenten. Allenfalls Spezialisten, die sich mit der Entwicklungshilfepolitik auseinandersetzten, schauten noch nach, was er, ein großer Nationalökonom dieses Jahrhunderts, dazu zu sagen hatte.

Myrdal, 1898 im schwedischen Gustafs geboren, studierte zunächst Jura und dann auf Anraten seiner gewiß ebenso berühmten Frau, der Soziologin und Friedensforscherin Alva Myrdal, Volkswirtschaft, Soziologie und Finanzwissenschaft. Er war stets ein politischer Ökonom, der im Laufe seines Lebens wohl auch zum Moralisten wurde, der an das Gute im Menschen appellierte. Das zeigte sich ganz besonders in seinen Arbeiten über den Sinn und Zweck der Entwicklungshilfe und in seinen Forderungen, wie diese von den reichen Industrieländern zu gewähren sei. Myrdal hat mit seiner Arbeit, nicht zuletzt in der Uno-Kommission, die heutige Praxis der Entwicklungshilfe mitgeprägt. Nach seiner Emeritierung vom Lehrstuhl für Internationale Wirtschaftspolitik an der Universität Stockholm im Jahre 1967 setzte er sich allerdings dafür ein, diese Praxis grundlegend zu ändern.

Er glaubte erkannt zu haben, daß die Entwicklungshilfe in den Empfängerländern von den Herrschenden mißbraucht wurde und forderte eine möglichst direkte Verteilung der Hilfen an die arme Bevölkerung sowie scharfe Kontrollen durch die Geberländer.

1974 erhielt Myrdal zusammen mit dem Österreicher Friedrich A. Hayek den Wirtschaftsnobelpreis für „bahnbrechende Arbeiten auf dem Gebiet der Geld- und Konjunkturtheorie“. Damit honorierte das Preiskomitee vor allem seine Arbeiten, die er als markanter Vertreter der Stockholmer Schule in den dreißiger Jahren veröffentlicht hatte. Dieser Kreis trat ähnlich wie John Maynard Keynes dafür ein, die wirtschaftliche Depression und die hohe Arbeitslosigkeit mit finanzpolitischen Mitteln zu bekämpfen.

Seine Schriften auf diesem Gebiet waren in den dreißiger Jahren sicherlich bahnbrechend, aber Myrdals größte Leistungen lagen gewiß im Bereich der internationalen Politik, insbesondere der Entwicklungshilfepolitik. Da ist er – wie auch der Titel einiger seiner Schriften es signalisiert – „gegen den Strom“ geschwommen, gegen den Strom der herrschenden Meinung der Nationalökonomie. Aber das mochten die schwedischen Nobelpreisrichter wohl nicht ausdrücklich honorieren. Gunnar Myrdal verstarb vergangenen Sonntag in Stockholm.

Bernhard Blohm