Von Christiane Grefe

Jetzt hat das Wort der Herr Kollege Jäckle aus Bayern!" sagt ermunternd der Vorsitzende. Der Herr Kollege steht schon ein paar Meter entfernt am Mikrophon der nagelneuen Karlsruher Kongreß-Anlage. Er heißt Renate.

Einer der Vorredner von Renate Jäckle auf dem Deutschen Ärztetag hatte sich darüber gefreut, daß es "viel mehr Damen als früher gebe". Doch was die Münchner Medizinerin den Herren zu sagen hat, von denen viele immer noch gern von "Medici" sprechen und Meinungen "un peu ridicule" finden, das löst empörtes Grummein aus.

"Was sollen die alten Menschen denken, die von tausend Mark im Monat leben müssen und so etwas hören, Herr Vilmar?" greift Renate Jäckle den Ärzteschafts-Präsidenten an. Der hat wenige Stunden zuvor in Sachen Reform des Gesundheitswesens mehr finanzielle Selbstbeteiligung der Patienten gefordert. Die "Pflichtversicherung", so lautet ein weiterer Vorschlag Vilmars, solle in eine "Versicherungspflicht" umgewandelt werden, bei der die einzelnen mit dem aufs Konto überwiesenen Arbeitgeberanteil ihre Kasse selber wählen und bezahlen. So werde mehr Konkurrenz und Wettbewerb geschaffen. Die Münchner Ärztin kritisiert auch diesen Vorschlag: Vor allem die Alten und die Kinderreichen würden dann nur noch ungenügend versorgt.

Die Provokation ist komplett, als sie sagt: "Warum reden wir von einer Kostenexplosion, geben aber gleichzeitig Millionen für den Airbus aus, für Wackersdorf, Waffen und eine unsinnige Volkszählung?"

Renate Jäckle ist Delegierte der "Liste Demokratischer Ärzte". Seit November gibt es diesen Zusammenschluß auch auf Bundesebene. Vor allem junge Mediziner wollen die Bundesärztekammer radikal verändern. Die "Demokratischen Ärzte" kämpfen für den Abbau von Hierarchie zwischen "Chef-", "Ober-" und anderen Ärzten und dem Pflegepersonal, aber auch im Verhältnis zwischen Arzt und Patient. Sie sehen Krankheit als Folge von Arbeitsbedingungen, sozialer Ungerechtigkeit und Umweltschmutz an und wollen mehr Prävention. Die soll nicht allein als "Früherkennung" mißverstanden werden oder sich in bunten Dauerlauf-Broschüren erschöpfen, sondern "sozialpolitisches Engagement" umfassen. Auch, beispielsweise, gegen die als Gesundheitsgefahr angesehene Atomenergie.

Am erfolgreichsten ist die Ärzte-Opposition in Berlin. Dort hat es die "Fraktion Gesundheit" bei den letzten Kammerwahlen auf über 50 Prozent der Stimmen gebracht und mit Ellis Huber den ersten "alternativen" Ärztekammer-Präsidenten installiert.