Von Barbara Ungeheuer

Als vor knapp zwei Jahren die Nachricht durchsickerte, daß sich Rock Hudson zur Aids-Behandlung in einem Pariser Krankenhaus befand, wurde dem schon vom Tode gezeichneten Filmidol das Geheimnis und Trauma seines Lebens entrissen. Schürfend schmerzhaft wie die Pusteln an seinem ausgemergelten Körper blieb für ihn bis zuletzt das Bekenntnis seiner Homosexualität. Hollywood hatte den Herzensbrecher ganzer Generationen von weiblichen Kinogängern zur Lebenslüge verpflichtet. Erst wenige Wochen vor seinem Tod war er bereit, das Zelluloid-Image nicht mehr weiterzuleben. Sein "Fall" hatte bei der amerikanischen Bevölkerung ebenso wie unter seinen Starkollegen erstmals eine Welle des Mitgefühls auch für weniger berühmte Opfer dieser Krankheit erzeugt. Aids galt nun nicht mehr als eine auf die Schwulengettos der Großstädte begrenzte Seuche.

Nachdem ihn über 20 000 Briefe von Mitfühlenden erreicht hatten und Selbsthilfegruppen unheilbar kranker Patienten um seine Unterstützung baten, entschloß sich Rock Hudson zur eigenen Vergangenheitsbewältigung. Er verpflichtete die respektierte Journalistin Sara Davidson als Co-Autorin seiner Biographie. "So viele Lügen sind über mich geschrieben worden. Es ist an der Zeit, damit aufzuräumen. Schreiben Sie die ganze Geschichte und bitte gut." Rock Hudson war sich schon zu Beginn der Zusammenarbeit bewußt, daß Sara Davidson das Projekt im Alleingang würde zu Ende bringen müssen. Seine Freunde und langjährigen Liebhaber, nun von der eisernen Schweigepflicht entbunden, sollten ihr nach seinem Tod die Rekonstruktion seines erzwungen Doppellebens ermöglichen.

Leider gelang es der Autorin nicht, den Zwist von Sein und Schein seines Lebens wie auch seine selbstzerstörerische Promiskuität der Heuchelei einer bigotten Gesellschaft zuzuschreiben. Ihr Porträt blieb häufig in der Tiefebene typischer Star-Biographien.

Bemerkenswert aber ist ihre kürzlich in der New York Times publizierte Reportage über die Reaktionen der Medien wie der Bevölkerung auf das Buch. Vom Verleger auf Werbungstournee durchs weite Land entsandt, erlebte sie die volle Brandbreite der Vorurteile, gar des Hasses, die den Homosexuellen verstärkt entgegenschlägt, seit Aids zum Risiko für alle geworden ist. "Daß das Buch Kontroversen auslösen würde, hatte ich erwartet. Unvorstellbar war mir die Rolle, in die ich mich während der nächsten Monate gedrängt sah: für die Toleranz Homosexuellen gegenüber zu werben und einzutreten für das Recht jedes schwulen Schauspielers, er selbst zu sein", schreibt Sara Davidson. Bei Talk-Shows und Presse-Interviews sei es eigentlich nie um den Inhalt des Buches gegangen; allein die Glaubwürdigkeit der Fakten, das heißt Hudsons Homosexualität habe zur Debatte gestanden.

Als Schänderin des perfekten Mannsbildes bezichtigt, als Rufmörderin des glaubwürdigsten Verführers der Filmgeschichte attackiert, stand sie im Kreuzfeuer einer für die heutige Zeit erschreckenden Diskussion. "Keiner würde es heute wagen, sein Unbehagen über Juden und Schwarze so offen zu äußern wie das über Homosexuelle", schreibt die Autorin und zitiert Stimmen aus Funk und Fernsehen. "Wer gegen die Natur verstößt, hat die Konsequenzen verdient", so eine Frau im Fernsehkanal von St. Louis. Oder der Radioreporter in Detroit: "Ich finde den ganzen Lebensstil der gays ekelerregend. Sie haben eine unserer schönsten Städte, San Francisco, zerstört, jetzt werden sie auch noch das ganze Land kaputtmachen." Und der Talk-Show-Moderator, der seinen Zuschauern gesteht: "Mir waren die Zeiten lieber, als die Schwulen sich noch im Wandschrank versteckten."

Immer wieder versuchte die Autorin am Beispiel Rock Hudsons auf die schrecklichen Kosten des erzwungenen Versteckens hinzuweisen. Denn für ihn war die Geheimhaltung seiner sexuellen Neigung wichtiger als die notwendige Rücksicht, nachdem die Diagnose feststand. Er informierte keinen seiner Freunde über die mögliche Gefahr ihrer eigenen Infizierung. Schon schwer leidend küßte er noch eine später hysterisch reagierende Linda Evans auf dem Film-Set des Denver Clan, auch Doris Day, seine nichtsahnende Lieblingspartnerin aus den fünfziger Jahren – the show must go on!