Widerstandskämpfer

Missen-Wilhams/Allgäu

In Missen-Wilhams, einer 1200 Einwohner zählenden Gemeinde im bayerischen Oberallgäu, treffen sich – es ist ein sonniger Nachmittag – der Bürgermeister, Gemeinderäte, der Pfarrer und der Vorsitzende des örtlichen Krieger- und Veteranenvereins. Ihr Thema ist ein Fall aus der Vergangenheit, der unvermittelt in die Gegenwart des Allgäuer Dorfes eingebrochen ist: Es geht um einen ehemaligen Bewohner des Dorfes, um Michael Lerpscher; am 5. November 1905 wurde er im Ortsteil Wilhams geboren, am 5. September 1940 ist er im Zuchthaus Brandenburg-Görden unter dem Fallbeil gestorben.

Michael Lerpscher war der Erbe eines großen Hofes. Aber er sagte „nein“ zur vorgezeichneten Biographie und schloß sich der Christkönigs-Gesellschaft um den später von den Nazis hingerichteten Priester Max Josef Metzger an. Den Kriegsdienst in Hitlers Wehrmacht verweigerte er; ein Kriegsgericht in Wien verurteilte ihn wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode.

Über Michael Lerpscher ist 47 Jahre lang fast nichts bekannt geworden. Das Zeugnis eines der wenigen katholischen Kriegsdienstverweigerer im Dritten Reich existierte nur als Fußnote in einem Buch des amerikanischen Historikers Gordon C. Zahn über deutsche Katholiken im Dritten Reich.

Nun beherrscht der Name Lerpscher in Missen-Wilhams die Debatten sonntäglicher Stammtische, in Vereinen, in Familien und bald auch im Gemeinderat wird über diesen Sohn des Ortes diskutiert. Der Anstoß dazu kam von außen. Die beiden Lehrer Jakob Knab (36 Jahre) und Ernst Mader (34 Jahre), beide rund 40 Kilometer weiter nördlich im Raum Kaufbeuren zuhause, haben ein kleines Buch über den Laienbruder geschrieben („Das Lächeln des Esels. Das Leben und die Hinrichtung des Allgäuer Bauernsohnes Michael Lerpscher“, Verlag an der Säge, 8951 Blöcktach). Das Buch verfehlte seine Wirkung nicht. Es scheint, als brächen nun längst eingeebnete Gegensätze auf an diesem Ort, der einstmals eine Allgäuer Hochburg der Nazis gewesen ist. Im Streben nach dörflicher Harmonie wurden viele Widersprüche verdeckt. Michael Lerpscher, einer, der es eben doch anders gemacht hat, der mit einer die Lebenden heute noch beschämenden und verwirrenden Rigorosität verweigert hat – der war hier nie ein Thema.

Der 30jährige Ignaz Dreyer zum Beispiel, der aus Missen stammt, Theologie studierte und in der katholischen Kirchengemeinde im oberbayerischen Penzberg arbeitet, hat erst dort vom Bekennertod des Allgäuers aus seinem Heimatort erfahren. Dabei hätte er nicht lange fragen müssen. Sein Vater, Ignaz Dreyer senior, Landwirt und Rentner, hat Lerpscher noch persönlich gekannt.

Vater und Sohn sind an diesem Nachmittag gemeinsam gekommen. Dreyer senior, Jahrgang 1916, ist seit 35 Jahren Vorsitzender des Krieger- und Veteranenvereins. Zwölf Jahre hat er als Soldat verbracht, davon fünf als Kriegsgefangener in Sibirien. Diese Zeit hat sein Leben geprägt „Wir haben doch für die Heimat gekämpft“, sagt Dreyer senior, „ist es nicht auch eine christliche Pflicht, die Heimat zu verteidigen?“

Aber auch Michael Lerpscher war Christ, und er ist für seine Überzeugung gestorben. Dieser Widerspruch scheint im Dorf vielen zu schaffen zu machen, zumal auch die Kirche keine befriedigende Antwort weiß. Ignaz Dreyer und Michael Lerpscher haben sich beide für ihren Weg entschieden. Es sieht so aus, als sei dies an diesem Nachmittag allgemein akzeptiert.

Doch als Dreyer junior fordert, aus dem Opfertod des Allgäuers Lehren für die Gegenwart abzuleiten, als vorgeschlagen wird, Lerpschers Namen nachträglich auf dem Kriegerdenkmal der Gemeinde anzubringen, verhärten sich plötzlich die Fronten. Als „Diffamierung“ der Gefallenen lehnt der Veteranen-Chef dies ab.

Aber es gibt keinen offenen Streit, keine Konfrontation innerhalb der Gemeinde. Die Diskussion reißt keine Gräben auf, aber bisher scheinbar verschüttete Positionen werden deutlich markiert. Viele reagieren, wie der heute 79jährige Fidel Prinz, von 1939 bis 1945 Bürgermeister in Missen, schon 1940 auf die Hinrichtung Lerpschers reagiert hat: „Dummer Bua – wärscht halt mitganga“. Der dumme Bua – das kategorische Nein zum Gleichschritt der Mehrheit ist auch heute vielen gänzlich unverständlich.

So suchen sie nach Erklärungen. Das Einzelbeispiel erschüttert bisher vorgetragene Rechtfertigungsmuster. Eine Erklärung deutet in die Fremde. Erst bei einem Aufenthalt im oberbayerischen Benediktinerkloster St. Ottilien habe der Michel, wie sie ihn nannten, diese Ideen aufgeschnappt, meint Altbürgermeister Prinz. Auch die Autoren des jüngst erschienenen Buches kommen von außen. Plötzlich ist die Angst zu spüren, eine Diskussion werde ins Dorf getragen, die hier keiner möchte.

„Wir wollen kein zweites Nesselwang werden“, sagt Rudolf Kieser, seit 1960 der Ortsgeistliche in der zu über 90 Prozent katholischen Gemeinde, und erinnert an die Umstände des SS-Treffens in der Ostallgäuer Gemeinde. Von außen kommen die Störungen, kommt das verunsichernd Neue, kommen die durch lange Recherchen der Autoren reaktivierten Erinnerungen.

47 Jahre nach der Hinrichtung scheint der Laienbruder aus dem Allgäu die Positionen seiner Nachfahren immerhin doch leicht zu erschüttern. Auf die Frage, ob dieses Zeugnis des Michael Lerpscher bei manchem so etwas wie ein schlechtes Gewissen aktiviere, sagt Ignaz Dreyer senior, nach einer Pause, ruhig und ohne Pathos, aber den Tränen nahe: „Ich glaube ja.“

„Die Gemeinde“, sagt schließlich der Pfarrer, „kann stolz darauf sein, einen Widerstandskämpfer gehabt zu haben.“ Ein neuer-Vorschlag verschafft beinahe Erleichterung: Eine Gedenktafel für diesen Sohn der Gemeinde will man anbringen – aber nicht am Kriegerdenkmal.

Stefan Stremel