Von Manfred Schlenke

Wissenschaftler und Universitäten im Dritten Reich: Dies ist kein Thema, dessen sich die Geschichtswissenschaft oder einzelne Universitätsfächer bisher besonders gründlich angenommen hätten. Schon der Freiburger Historiker Gerhard Ritter hat nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mit Blick auf die deutschen Universitäten unter dem Nationalsozialismus vom „Verfall des deutschen Geistes“, von einer „Kulturkatastrophe ohnegleichen“ gesprochen. Der Münsteraner Soziologe Helmut Schelsky sparte in seinem in den Sechziger Jahren lebhaft diskutierten Buch über Idee und Gestalt der deutschen Universitäten und ihrer Reformen („Einsamkeit und Freiheit“, 1963) die Zeit des Nationalsozialismus – ohne ein Wort der Erklärung – völlig aus; der historische Teil seines wichtigen Werkes endet mit einem kurzen Abriß der in ihren wesentlichen Ansätzen gescheiterten Universitätsreform des preußischen Kultusministers Carl Heinrich Becker.

Zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nahmen sich drei Universitäten in der Bundesrepublik des brisanten Themas in Ringvorlesungen an, die dann in Sammelbänden publiziert wurden: Tübingen (Deutsches Geistesleben und Nationalsozialismus, 1965), Berlin (Nationalsozialismus und die deutsche Universität, 1966) und München (Die deutsche Universität im Dritten Reich, 1966). In keinem dieser insgesamt 35 Vorträge wird das Fach Theologie expressis verbis angesprochen.

Seitdem sind wiederum mehr als 20 Jahre vergangen. Zum Thema „Kirchen im Dritten Reich“ erschienen eine Reihe von Abhandlungen und Monographien, die sich nicht mehr nur oder vornehmlich aus der Perspektive des „Kirchenkampfes“ mit dem nach wie vor auf den Nägeln brennenden Thema auseinandersetzten. (So etwa die Arbeiten von Klaus Scholder und das zweibändige Taschenbuch von Georg Denzler/Volker Fabricius), sondern versuchten, breitere Schneisen in die wissenschaftsgeschichtliche Vergangenheit zu schlagen. Doch gilt auch weiterhin, was Klaus Scholder 1977 im Vorwort zum ersten Band seines großen Werkes „Die Kirchen und das Dritte Reich“ schrieb: „Die katholische kirchliche Zeitgeschichte und die evangelische kirchliche Zeitgeschichte haben fast keine Berührung miteinander.“

Was für die zeitgenössische Kirchengeschichtsschreibung im konfessionell geteilten Deutschland gilt, trifft natürlich in noch viel stärkerem Maße für die Theologiegeschichte zu. Davon legt das 1985 in den USA erschienene Buch, das inzwischen in deutscher Übersetzung vorliegt, Zeugnis ab:

Robert P. Ericksen: Theologen unter Hitler. Das Bündnis zwischen evangelischer Dogmatik und Nationalsozialismus; aus dem Amerikanischen von Annegrete Lösch; Carl Hanser Verlag, München 1986; 343 S., 48,– DM.

Der Verfasser, Jahrgang 1945, hat an der London School of Economics bei James Joll studiert und lehrt gegenwärtig Geschichte am Olympic College in Bremerton (USA). Längere Zeit hat er in der Bundesrepublik geforscht, Bibliotheken und Archive besucht sowie Interviews mit Zeitzeugen geführt. Daraus entstand ein lesenswertes Buch, das nicht nur das Interesse des Theologie- und Kirchenhistorikers, sondern auch des Profanhistorikers finden dürfte.

Eigentlich müßte man von einer „Fallstudie“ sprechen. Aus der großen Zahl der Theologen, die zur Zeit des Dritten Reiches an deutschen Universitäten lehrten, greift Ericksen drei „Fälle“, drei Professoren, heraus, die in besonders eklatanter Weise in den Nationalsozialismus verstrickt waren: Gerhard Kittel, Paul Althaus und Emanuel Hirsch. Diese drei Männer „repräsentieren“ für den Autor drei Universitäten: Tübingen, Erlangen und Göttingen. Alle drei sind im selben Jahr (1888) geboren, verkörpern also nach Ausbildung und Werdegang eine Generation. Keiner von ihnen war vor 1933 Mitglied der NSDAP. Sie haben „keine Juden getötet“. Alle drei waren bedeutende, international respektierte Gelehrte. Was in Gottes Namen konnte sie veranlassen, Hitler öffentlich, begeistert und mit wenig Zurückhaltung zu unterstützen? Das ist die zentrale Fage, die den amerikanischen Historiker umtreibt.

Gerhard Kittel (1888-1948) versah in Tübingen eine Professur für Neues Testament. Mit 25 Jahren wurde er in Kiel Dozent und kam über Leipzig (1917) und Greifswald (1921) nach Tübingen (1926). Von 1933 bis 1942 war er Herausgeber des angesehenen „Theologischen Wörterbuches zum Neuen Testament“, das auch ins Englische übersetzt wurde. Einer seiner Forschungsschwerpunkte bildete die Beziehung zwischen Juden und frühen Christen. Er wuchs in christlich-konservativem, deutschnationalem Milieu auf, bekleidete im Ersten Weltkrieg das Amt eines Marinepfarrers. Die Deutsche Christliche Studentenvereinigung machte ihn früh mit völkischem und rassistischem Denken vertraut.

Seit Mai 1933 Mitglied der NSDAP, wurde Kittel 1936 zum Mitbegründer der „Forschungsabteilung Judenfrage’“ des von Walther Frank geleiteten, politisch gefärbten und motivierten „Reichsinstituts für die Geschichte des Neuen Deutschland“. In der Schriftenreihe des Reichsinstituts „Forschungen zur Judenfrage“ publizierte Kittel 6 Aufsätze über Juden und Judentum, einen weiteren schrieb er für Goebbels’ „Archiv für Judenfragen“. Allen Ernstes attestierte er dem Frankschen Institut auch nach 1945 noch den Charakter einer Heimstätte für wirklich freie Forschung. In einer 42 Seiten umfassenden, im Manuskript erhaltenen Verteidigungsschrift in eigener Angelegenheit („Meine Verteidigung“) unterscheidet er scharf zwischen „vulgärem Antisemitismus“ und seiner eigenen antijüdischen Auffassung. Freilich sollte man nicht vergessen: Auch Männer und Frauen der Bekennenden Kirche teilten vielfach die antijüdische – und antikommunistische! – Einstellung der Nationalsozialisten.

Aufsehen – nicht nur unter seinen Kollegen – erregte Kittel mit seiner im turbulenten Frühjahr 1933 gehaltenen öffentlichen Vorlesung „Die Judenfrage“, die wenig später gedruckt vorlag. Man traut seinen Augen nicht, wenn man heute liest, was ein gestandener ordentlicher Professor für Neutestamentliche Theologie vom Katheder einer angesehenen deutschen Universität gesagt hat und dann drucken ließ: „Nicht darum handelt es sich, ob einzelne Juden anständige oder unanständige Juden sind; auch nicht, ob einzelne Juden ungerechterweise zugrunde gehen oder ob einzelnen damit Unrecht geschieht. Die Judenfrage ist überhaupt nicht die Frage der einzelnen Juden, sondern die Frage des Judentums, des jüdischen Volkes. Und darum darf, wer ihr auf den Grund gehen will, nicht zuerst fragen, was aus dem einzelnen Juden, sondern was aus dem Judentum werden soll.“

Wie sollte nach Kittel die „jüdische Frage“, das „jüdische Problem“ gelöst werden? Er sah vier Lösungsmöglichkeiten, von denen allerdings nur eine für ihn akzeptabel war:

1. Die Ausrottung. Lediglich aus Gründen der Zweckmäßigkeit lehnt Kittel diese Radikallösung ab; sie habe noch nie funktioniert und werde auch jetzt nicht funktionieren.

2. Der Zionismus. Er wurde aus verschiedenen Gründen als nicht praktikabel abgelehnt.

3. Die Assimilation. Sie war für Kittel die übelste aller Lösungen, da sie über die rassische Vermischung direkt in die „Dekadenz“ führe.

4. Der „Gastzustand“, den Kittel als einzige Lösungsmöglichkeit befürwortete, bedeutete: die Separierung der Juden von den Völkern, mit denen sie zusammenleben. Im „Gastzustand“ würden die Juden zum Beispiel keine Bürgerrechte haben; neue Gesetze müßten ihre Position als „Fremde“ bestimmen.

Kittel glaubte nicht nur im Jahr der „Machtergreifung“, sondern auch noch nach 1945, damit einen Beitrag zur „Reinheit der Bewegung“ und gegen den rüden SA-Antisemitismus geleistet zu haben.

Kittels Kollege Paul Althaus (1888-1966) war Lehrstuhlinhaber für Systematische Theologie in Erlangen, ausgewiesener Lutherkenner und Jahrzehnte hindurch Vorsitzender der Luther-Gesellschaft in Deutschland. Er war kein Mitglied der NSDAP. Dennoch nannte er den Führer der „Bewegung“ gelegentlich einen „Fingerzeig Gottes“. Radikalität und Fanatismus waren ihm fremd. Konservativismus und Orthodoxie prägten sein Weltbild und seine „Theologie der Ordnungen“ (1934). Stets war er um eine Position der Mitte, um Vermittlungen zwischen den kirchenpolitischen Fronten bemüht – was ihm von seinen Freunden und von seinen Gegnern gleichermaßen als Ambivalenz angekreidet wurde. Nach 1937 – so Ericksen – hörten seine politisch ausgerichteten Publikationen auf. Das macht freilich seine den Nationalsozialismus unterstützenden Bücher aus den Jahren 1933 bis 1936 nicht vergessen: „Die deutsche Stunde der Kirche“ (1933), „Obrigkeit und Führertum“ (1936) und andere mehr.

Nie hat Althaus sich der nationalsozialistischen Bewegung so eng verpflichtet gefühlt wie Kittel oder der dritte von Ericksen analysierte Theologe Emanuel Hirsch (1888-1972), der schon in der Überschrift des ihm gewidmeten Buchkapitels als „Der Nazi-Intellektuelle“ bezeichnet wird. Hirsch – bereits seit 1931 fast erblindet – habilitierte sich während des Ersten Weltkrieges, 1915, in Bonn für Kirchengeschichte und lehrte seit 1921, zunächst als Kirchenhistoriker und seit 1936 als Lehrstuhlinhaber für Systematische Theologie in Göttingen. Wie Kittel und Althaus wuchs auch er in einem christlich-konservativen, protestantischnationalen Elternhaus auf. Die überkommenen Werte von Volk und Nation, Gesetz und Ordnung, Obrigkeit und sozialer Einheit machten ihn für die nationalsozialistische Ideologie empfänglich. Hirsch wurde denn auch bald zu einem Wortführer der „Deutschen Christen“ (DC), war seit 1937 nicht nur Parteigenosse, sondern auch förderndes Mitglied von Himmlers SS. In seiner Schrift „Christliche Freiheit und politische Bindung“ (1935) erklärte er unverblümt, der nationalsozialistische Staat sei ganz einfach ein bewundernswerter Staat, weil er das Christentum akzeptiere und die Ordnung aufrecht erhalte. Deshalb solle er auch von den Christen als Gottes Werkzeug gesehen und unterstützt werden. Er glaubte lange, allzu lange, daran, einen „christlichen Nationalsozialismus“ begründen zu können. Wie Althaus sah auch er die „deutsche Stunde der Kirche“ gekommen; er begrüßte Hitlers völkisches Erneuerungsprinzip auf dem Hintergrund des seelenlosen Republikanismus und Pluralismus der Weimarer Republik. Man wird Zweifel haben dürfen, ob man den Göttinger Gelehrten mit seinem Schweizer Biographen Ulrich Neuenschwander als „unübertroffenen Darsteller der neueren evangelischen Kirchengeschichte“ reklamieren kann.

Hier liegt zweifellos ein interessantes, unsere kirchen- und theologiegeschichtliche Kenntnis und Erkenntnis bereicherndes Buch vor, das allerdings eine bessere Übersetzung verdient hätte. In Abweichung vom amerikanischen Original, das zu Recht in seinem Untertitel nur die Namen der drei behandelten Theologen führt, erhebt der unversehens eingeschmuggelte Untertitel der deutschen Übersetzung einen Anspruch, den sein Verfasser nicht leisten wollte und auch nicht hat leisten können: „Das Bündnis zwischen evangelischer Dogmatik und Nationalsozialismus.“ Jedes der drei Substantiva greift zu hoch!

Man mag mit dem Verfasser über die von ihm getroffene Auswahl hadern, man hätte auch andere „Theologen unter Hitler“ (etwa Bultmann, Eiert, Gogarten) auswählen können; bei einer Beschränkung auf drei Universitätsprofessoren hätte man zumindest gern etwas über die Auswahlkriterien erfahren. Daß der Verfasser meint, aus der Geschichte (hier: aus der Verhaltensweise evangelischer Theologen im Dritten Reich) etwas lernen zu können, ist ihm in manchen Besprechungen, die sein Buch bisher erfahren hat, als „Mängelrüge“ angekreidet worden. Dem vermag ich nicht zuzustimmen; allerdings sollte man, soweit dies denn überhaupt möglich ist, Analyse und Wertung nicht miteinander vermengen.