„Die schwarze Witwe“ von Bob Rafelson

The Devil is a Woman. Ihr Spielfeld ist die High Society, ihre Leidenschaft die Verführung, ihre größte Lust der Tod. Der Teufel ist Catherine (Theresa Russell). Sie lebt und liebt nur, um den Männern ihr tödliches Gift einzuverleiben. In New York ist sie distinguiert, mondän und vernichtet einen reichen, vornehmen Zeitungsverleger. In Dallas ist sie grell, vulgär und verführt und vernichtet einen reichen, lauten Spielzeugfabrikanten (Dennis Hopper). In Seattle ist sie intellektuell, zurückhaltend und verführt und vernichtet einen reichen, scheuen Museumsdirektor (Nigel Williamson). Auf Hawaii schließlich ist sie reich, großzügig, lebenslustig und verfolgt einen reichen, schönen Hotelier (Samy Frey). Die großen Spinnenfrauen des Kinos, die Bösen unter den Starken, Bette Davis und Barbara Stanwyck, Gene Tierney und Gloria Grahame, sie alle benutzten und zerstörten die Männer eher, um ihre eigenen Ziele durchzusetzen. Theresa Russell dagegen vernichtet, um zu lieben und liebt, um zu vernichten. Und niemand nimmt Anstoß an ihrem Tun. Nur eine Polizistin (Debra Winger), die sich vor ihrem Fahndungscomputer langweilt, bemerkt das Serielle der Vorfälle. Sie nimmt die Spur auf und verfällt dabei der eigenen Jagdeuphorie.

So abenteuerlich und aufregend die Geschichte, so wenig weiß Bob Rafelson letzten Endes damit anzufangen. Er nimmt den Thriller nicht ernst. So gelingt ihm auch keinerlei Thrill. Er filmt den Strudel der Ereignisse konsekutiv, im Dann-und-Dann-Stil, wo er den Strudel selbst filmisch dramatisieren und dynamisieren müßte. Hinzu kommt: Sein überwiegend touristischer Blick auf die verschiedenen Schauplätze sucht immer nur das besonders Exquisite. Und seine pointilistische Erzählweise, die sich gelegentlich mit waghalsigen Andeutungen begnügt, vernachlässigt allzu sehr den Rhythmus, das Tempo, das dem Spannungskino erst den letzten Schliff gibt. Rafelson wagt nur ein paar kurze Blicke in den Abgrund, den den doppelten Boden seiner Geschichte öffnet. Vor dem freien Fall in den Suspense, also ins Bodenlose, scheut er zurück. Norbert Grob

„Archie und Harry – Sie können’s nicht lassen“ von Jeff Kanew

Kirk Douglas, Burt Lancaster. Die Abgötter sind zurückgekommen. Sie tragen die alten Nadelstreifen-Zweireiher, die weißen Gamaschen und die schwarzen Revolver. Sie sind nach wie vor abgebrühte Charismatiker, die das Leinwandgeschehen lässig auf die eigenen Aktionen reduzieren. Sie brauchen keine virilen Dreitagebärte, keine Weichzeichner-Kopulationen, keine Teuer-auf-billig-Requisiten unserer Accessoires-Dekade. Daß „Archie und Harry“ trotz der Mitwirkung der beiden Grandseigneurs scheitern muß, ist im Stoff dieser intelligenten Kriminalkomödie schon inbegriffen. Douglas und Lancaster sind zwei pensionsreife Zugräuber, die nach dreißig Jahren, die sie gemeinsam in der Zelle verbrachten, entlassen werden und begreifen, daß ihre einzige Chance zu überleben darin liegt, das alte kriminelle Gewerbe aufzunehmen. Das ist oft sehr komisch. Etwa wenn Douglas und Lancaster feststellen, daß ihre alte Bar eine Schwulenklitsche geworden ist, oder wenn sie eine großkotzige Straßengang mit zwei couragierten Hodentritten in die Flucht schlagen. Und es rührt und bewegt den Zuschauerkopf zugleich, wenn der eine seine neue, junge, wundervolle Geliebte verläßt, weil er nicht weiß, was er mit ihr anfangen soll, während der andere gerade mit einer alten Jugendliebe Senioren-Sex hat. Aber es reicht nicht. Douglas und Lancaster geistern durch die Gegenwart, in der sie nichts zu suchen haben, wie Falschgeld. Daß man über ihre historische Deplaziertheit mal weint, mal lacht, beweist nicht, daß dieser Film funktioniert. Im Gegenteil. Es sind Lacher und Tränen des Mitleids.

Ganz zum Schluß entführen sie einen Zug und fliehen damit, auf Nimmerwiedersehen, ins sichere Mexiko. Vielleicht kommen sie nun wirklich nicht mehr zurück. Maxim Biller

„Der kleine Horrorladen“ von Frank Oz

Man nehme einen alten Gruselstoff, kreuze ihn mit den komödiantischen Inspirationen der Off-Broadway-Musicalschreiber, präpariere ihn „stilecht“ nach Art der späten fünfziger Jahre und färbe ihn mit dem bonbonfarbenen Zynismus der späten achtziger – fertig ist das „Grusical“, die neueste Zuchtpflanze aus dem Treibhaus der Kino-Stereotypen, die mitten in der Verwesung noch einmal aufblühen zu schillernder Harmlosigkeit. Frank Oz, der in seinem letzten Film die Muppets Manhattan erobern ließ, hat Roger Cormans „Kleinen Horrorladen“ von 1960, einen in zweieinhalb Tagen mit Restkulissen abgedrehten B-Film-Klassiker, „aufs Niveau gebracht“: hinauf zu edler Studio-Perfektion, hinunter zur Parodie. Edel und schrecklichschön ist die Hauptperson im Horrorladen, Madame Audrey II, eine fleischfressende Pflanze, die direkt aus dem Weltall in „Mushnik’s Flower Shop“ heruntergepurzelt ist; edelkitschig und wunderbar komisch sind die Stars und Chargen, die um den animierten Kohlkopf tanzen, Ellen Greene als rachitische und platinblonde Audrey I, Rick Moranis als schüchterner Blumenladenhüter Seymour, der die eine Audrey liebt und die andere füttert, Steve Martin als Horror-Zahnarzt und Schmerzensmann, den erst ein masochistischer Patient (Bill Murray) Verzweiflung lehrt. Das Grauen wird Musik: „I’m just a mean green mother from outer space“, singt die blutige Audrey mit der Stimme des einstigen „Four Tops“-Sängers Levi Stubbs und rockt los, daß die Studiowände beben.

„Der kleine Horrorladen“ ist ein Film aus den Labors, in denen die Gene und die Genres manipuliert werden: absolut lustig und absolut künstlich, immun gegen die Tücke des Objekts, von der die Horrorfilmer Corman und Arnold wußten. Der Fortschritt der Wissenschaft brütet Dämonen aus, das Altern des Kinos nur faulen Zauber. Im renovierten „Kleinen Horrorladen“ können sich die Leute tummeln, die ihre Zimmerpflanzen liebevoll Gabriele oder Moni nennen und nach zehn Jahren von der „Rocky Horror Picture Show“ genug haben. Irgendwann freilich wird auch das Parodieren in die Jahre kommen. Dann werden die Horrorblumen wieder blühen, und ihr Appetit wird schrecklich sein. Andreas Kilb

„Zischke“ von Martin Theo Krieger

Viel passiert nicht in diesem kleinen, großen Film. Ein bißchen Licht fällt ins Dunkle. Und ein paar Dokumente flattern im Wind. Die eine Hauptrolle spielt West-Berlin, die andere die Nacht. Und der Held ist ein Junge, der für einige Tage von seiner Mutter verlassen wurde. Wodurch er seine Stadt neu erfährt – oft allein, oft spät am Abend, oft am Rande der Legalität.

Viel passiert nicht. Der Junge zeichnet provokative Cartoons. Er hat sein erstes Abenteuer mit einem Mädchen und seine erste Enttäuschung mit einer Liebe. Zwei Araber reisen illegal in die Stadt. Zwei Polizeifahnder jagen sie, können sie aber nicht fassen. Während ein anderer Polizist das fünfte Mal in Botho Strauß’ „Trilogie des Wiedersehens“ geht, um eine arabische Schauspielerin zu bewundern.

Man sieht dem Film an, daß der Regisseur Martin Theo Krieger hier sein Debüt gibt. Krieger probiert, wie das geht mit dem filmischen Erzählen: Wie drei Geschichten, die zunächst voneinander unabhängig bleiben, sich zu einem gemeinsamen Abenteuer verdichten. Wobei das Neue eher nebenbei entsteht: durch den besonderen Blick, der sich aufs Bewährte richtet.

Was „Zischke“ auch aufregend, ja abenteuerlich macht: die grobkörnige Schwarzweißphotographie von Claus Deubel; die elegische Musik der amerikanischen Jazz-Saxophonistin Barbara Thompson; und das Spiel von Daniel Strempel, der mit knappen, oft sehr fahrigen Gesten einen überzeugenden Typ entwickelt: wie er verliert und verliert, immer wieder, und so schließlich alles gewinnt – Wut und Phantasie, Kraft und Identität. Wenn unsere Filmemacher hierzulande nur mit offenen Augen ins Kino gingen! Sie könnten einen faszinierenden Darsteller entdecken.

Norbert Grob

Sehenswerte Filme

„True Stories“ von David Byrne. „Abschied von Matjora“ und „Komm und siehe“ von Elem Klimov. „Briefe eines Toten“ von Konstantin Lopuschanskij. „Blue Velvet“ von David Lynch. „Das grüne Leuchten“ von Eric Rohmer.