Am Pfingstmontag besucht Johannes Paul II. zum dritten Mal seine Heimat. Józef Glemp ist der Katholische Primus von Polen.

ZEIT: Was erwarten Sie vom dritten Papstbesuch in Polen?

Glemp: Das Wichtigste ist, daß sich das Glaubensbewußtsein auf das praktische Leben überträgt. Denn die moralischen Probleme – Fehlvsrhalten im Alltag, Alkoholismus, Drogensucht, Neigung zu Aggressivität – stehen für uns im Vordergrund und stellen der Kirche in Polen die Aufgabe, auf das gesellschaftliche Leben einzuwirken. Nüchternheit, gegenseitige Hilfe, nachbarschaftliches Einvernehmen, familiäre und soziale Eintracht – für diese Werte, welche die Menschen vereinen und nicht entzweien, fühlen wir uns verantwortlich.

ZEIT: Schließt dies auch eine politische Mitverantwortung der Kirche ein?

Glemp: Wir wollen keineswegs – wie ans das die Marxisten unterstellen – eine totale Katholisierung des Landes. Zwar behandeln uns die Marxisten immer so, als ob wir eine politische Macht wären, aber wir wollen eine moralische Kraft sein. Je stärker die Kirche politisch ist, desto schwächer ist sie moralisch.

ZEIT: Wird aber diese religiösmoralische Kraft nicht immer wieder in Frage gestellt in einem Staat, der von Atheisten regiert wird? Wie sichert sich die Kirche da ihre Existenz?

Glemp: Nun, es geht uns, wie man sieht, nach 42 Jahren gar nicht so schlecht. Wenn es auch sehr schwierige Zeiten gab, so haben wir doch, dank des Glaubens und dank des Zusammenhalts der Nation, in jeder Periode etwas gewonnen. Dabei steht nicht so sehr die kirchliche Existenz als solche im Vordergrund der Probleme, sondern die Aufgabe, das Evangelium und seine Grundsätze zu verkünden. Das ist uns nicht immer gelungen ... Wir bemühen uns darum, die Kommunisten müssen damit rechnen, und sie tun es auch.