Trotz fleißigen Quellenstudiums ist dem Autor Wesentliches entgangen

Von Theodor Eschenburg

Über das Auswärtige Amt im Dritten Reich gibt es eine Reihe von Publikationen auswie inländischer Autoren. Das Besondere dieser Neuerscheinung ist, daß sie sich überwiegend mit dem Auswärtigen Dienst befaßt. Es handelt sich um eine Hamburger Dissertation. Die Personalakten des Auswärtigen Amtes konnte der Verfasser nicht einsehen; ihm ist es aber gelungen, bislang vernachlässigte Quellenbestände zu benutzen, die einen „den Personalakten vergleichbaren Erkenntniswert besitzen“, so aus dem Document Center in Berlin und aus den National Archives in Washington. Mit außerordentlichem Fleiß und großer Mühe hat er viel Interessantes und auch Neues systematisch ausfindig gemacht und die SSbzw. NSDAP-Personalunterlagen aus dem Document Center von etwa vierhundert Beamten und Angestellten miteinander verglichen und bewertet. In Washington entdeckte er Personalbogen von 330 Beamten (von insgesamt 4-500), die als Ersatz von diesen persönlich aufgrund von 31 amtlichen Fragen in der Zeit zwischen August und Oktober 1944 ausgefüllt worden sind.

Döscher beklagt in seinem Abschnitt über die Weimarer Republik die „Dominanz von Geburts- und Geldaristokratie“ wie deren „Verschränkung in den Spitzen des diplomatischen Dienstes“. Er stützt sich mit Zitaten, die er ohne Prüfung übernimmt, auf Wolfgang von Putlitz’ „Unterwegs nach Deutschland“ (1960 in der DDR erschienen). Putlitz war auf Umwegen vom Auswärtigen Amt in das Ostberliner Außenministerium übergewechselt. Entsprechend ist das Buch geschrieben. Spätestens seit Stresemann (Außenminister 1923-1929) kann von Dominanz nicht die Rede sein.

Für die „Verschränkung“ werden nur Namen genannt, alles andere der Phantasie des Lesers überlassen. Den Staatssekretär von Schubert (1924-30), der durch seine Mutter Teilhaber am Stummkonzern war, nennt er „Exponent dieser zum Teil plutokratisch gestützten Aristokratie“. Dazu gibt er in der Anmerkung als Beleg an: Peter Krüger, Struktur, Organisation und außenpolitische Wirkungsmöglichkeiten der Beamten des Auswärtigen Dienstes 1921-1933. Krüger, Mitherausgeber der „Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-45“, renommiert gründlicher Kenner und zuverlässiger Historiker der Außenpolitik wie des Auswärtigen Amtes der Weimarer Zeit, schreibt aber in diesem Aufsatz von Schubert: „.. ein mächtiger, sicher menschlich schwieriger, aber ungewöhnlicher redlicher Staatssekretär..., der selbst familiäre Bindungen zur Industrie hatte, aber die Einflüsse der Wirtschaft zurückdrängte, ... obwohl Stumm-Erbe, hatte Schubert keine enge Beziehung zur Schwerindustrie.“

Der Verfasser konnte nach seinen Angaben als erster Benutzer den Nachlaß Neuraths im Bundesarchiv auswerten. Darunter befinden sich die „Notizen aus dem Leben des Reichsprotektors Constantin Hermann Freiherr von Neurath“. Unter der Jahreseintragung 1932 ist in ihnen wörtlich vermerkt: „Vom 6.-12. Januar reist Neurath (Botschafter in London) nach Berlin, um auf Wunsch des Reichskanzlers an der Losung der deutschen Regierungsfragen mitzuarbeiten. Es findet eine Ministerratssitzung statt, zu der Botschafter von Hoesch aus Paris und Herr von Schubert aus Rom berufen werden ... Dann findet durch Neurath die Übermittlung des Wunsches der Reichsregierung an den Reichspräsidenten, sich zur Wiederwahl nochmals aufstellen zu lassen, statt. Sie wird bejahend beantwortet.“

Brüning („Erinnerungen“) hatte die drei Botschafter nach Berlin kommen lassen, um mit ihnen „die Reparationsfragen zu besprechen“, und zwar „am 9. Januar abends“. In einer Unterredung bei Hindenburg hatte Brüning am 13. September 1931 die Frage von dessen Wiederwahl zum Reichspräsidenten angeschnitten. Nach schwierigen Verhandlungen entschied sich Hindenburg erst am 15. Februar 1932, also einen Monat nach Neuraths Besuch in Berlin, für seine Kandidatur. Neuraths Funktion als Regierungsbote ist ebenso unwahrscheinlich wie Hindenburgs bejahende Antwort vor dem 13. Januar. Neurath scheint zu Übertreibungen und Döscher zu Zitierungen aus ungeprüften Quellen zu neigen.