Georg Lentz: „Der Herzstecher“

Der Ich-Erzähler (Journalist wie der Autor selbst) kehrt zurück nach Wien, um dort Geschichten zur „Verwurstelung“ zu suchen. Zur ehemaligen Clique ist ein Neuer gestoßen, der durch Unauffälligkeit auffällt und sich schließlich als jener Herzstecher entpuppt, der Wien ein Klatschthema beschert. Er verspricht den Alten beim Heurigen, sie dereinst durch einen gekonnten Stich ins Herz vor eventuellem Wiedererwachen im Grab zu bewahren. Ob die im Voraus zu bezahlende Tat auch ausgeführt wird, ist jedoch kaum zu kontrollieren, zudem vergessen die betrunkenen Auftraggeber stets, sich eine Adresse geben zu lassen.

Die Figuren in diesem Buch (Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 1987; 288 S., 34,– DM) werden vom Autor grell geschminkt, auf Originalität getrimmt. Er mischt ein bißchen Weltuntergangsgerede in ihre obligatorischen Ausschweifungen, zieht den Leser von einem Lokal ins andere, und so treffen wir auf immer neue fancy people samt deren Histörchen. Oft erfährt man allerdings kaum mehr als einen skurrilen Namen oder muß jedesmal, wenn einer wieder auftaucht, (gleichsam als Erkennungsmerkmal), von dessen Kleidungstick lesen; und dann passiert es schon mal, daß gleich zwei Gestalten sich durch „rollendes R und rollende Augen“ auszeichnen.

Selbst die Geschichte von Mirko, dem Herzstecher, gibt dem Text keinen Zusammenhang. Seine Erfahrungen als Pfleger in der Psychiatrie macht er wohl nur, weil die vielen irren Typen dem Autor leichte Beute bieten. Und die Schilderung seiner Zeit als Unfallsanitäter wird benutzt, um ein paar lose Gruseleffekte zu setzen. Daß Blutgeruch, Anatomie und die Ausbeutung von Kranken in den Kliniken Mirko zum Herzstecher werden ließen, bleibt Behauptung. Mitunter gibt es witzige Passagen, aber Lentzens Lust am Nonsens bleibt immer auf dem Boden der Blödelei. Bei einer Länge von fast dreihundert Seiten geht die einem allmählich auf die Nerven – wie das Schwadronieren eines Alkoholisierten, der sich darum genialisch findet, weil er nie zum Punkt kommt.

Cornelia Köster