Moskau, im Juni

Der eifrige Jungredakteur einer Moskauer Zeitung griff zum Telephonhörer. Während Tass noch schwieg, hatte er schon über eine westliche Nachrichtenagentur von der Flugzeuglandung auf dem Roten Platz erfahren. Bereits für die Wochenendausgabe seines Blattes plante er einen Hintergrundbericht, für ihn selbstverständlicher Ausdruck der neuen Offenheit in den sowjetischen Medien.

Der Artikel erschien nicht. Die gerade begonnene Recherche fiel – ebenso wie ähnliche Projekte in anderen Redaktionen – einer Anweisung zum Opfer, wonach in diesem Fall die Sowjetbürger einheitlich und nur von ganz oben informiert werden sollten.

Nur durch Mundpropaganda erfuhren die Moskowiter, was wirklich im Zentrum der Stadt geschehen war. Dabei bauschten sich Gerüchte auf bis zu der Annahme, der Eindringling habe den Kreml mit einem Container voll Bakterien verseuchen wollen. Kurz nach der Landung hatten begeisterte Großstädter, die Augenzeugen des Vorfalls wurden, den Piloten mit zaghaften Freundschaftsrufen begrüßt und ihn einen "tollen Burschen" genannt. Auch Tage danach ließ sich noch ein lobender Unterton für die "Kühnheit" des Leichtsinnsfliegers feststellen. Ein Moskauer Polizist konnte sich nicht zurückhalten, dem Autofahrer eines westdeutschen Wagens zu der "erfolgreichen Tat" seines Landsmannes zu gratulieren. In Gesprächen am Arbeitsplatz wurde der Flug mit sportlichen Glanzleistungen verglichen.

Die Stimmung änderte sich fast schlagartig, als das Politbüro die scharfen Konsequenzen aus dem Zwischenfall bekanntgab. Der ungewohnte, öffentliche Rüffel für das Militär erzeugte plötzlich Zweifel an der eigenen Luftsicherheit. Die Diskussion nahm eine politische Wendung. Gesprächspartner fürchteten um das Ansehen ihres Landes.

"Jetzt brauchen die Amerikaner wirklich keine Angst mehr vor uns zu haben", meinte eine Rentnerin, die persönlich den Vorfall als eine "Blamage ersten Ranges" empfand. Die Feststellung des Politbüros, der Flug der Sportmaschine hätte ohne Waffengewalt gestoppt werden müssen, stieß unter Sowjetbürgern vereinzelt sogar auf Widerspruch. Mit Hinweis auf den Abschuß des südkoreanischen Jumbos 1983 stellte ein politisch engagierter Jungkommunist die Frage: "Wenn wir damals in Fernost schon aus Angst um unsere Sicherheit so scharf reagiert haben, warum wurde dann die Maschine über dem Kreml nicht abgeschossen?"

Diese Argumentation setzt freilich voraus, daß man sich aus anderen als den offiziellen sowjetischen Quellen informiert hat. Denn bislang wurde der Ort des Geschehens nicht erwähnt. Selbst eine Tass-Meldung, die den amerikanischen Antikommunisten Brzezinski als Kronzeugen für die Richtigkeit der Politbüro-Entscheidung anführte und dabei von der Landung "außerhalb des Kreml" sprach, ist von der Presse nicht veröffentlicht worden.