Von Susanne Mayer

Die Straße wird es immer geben. Gar nichts Besonderes eigentlich, das Stückchen zwischen Strand und Ludgate Circus. Scheibchenweise Fassadenverschnitt, mal à la grecque, mal Art deco; ein bißchen Prunk, ein bißchen Protz. Kleine Geschäfte, viele Kneipen. Nichts, was den Blick so bannen würde wie die Kuppel von St. Pauls, dort drüben über dem Ende der Straße, Richtung City.

Die City ist neuerdings das Herz von London. Seit dem Januar 1986 pulsiert es hier ganz besonders mächtig – Geld, Geld, Geld für das sieche Großbritannien. "Nach dem Big Bang in der City", werden die Fremdenführer in einigen Jahren in dieser Straße ihren Schäfchen erklären, "nach dem Big Bang, als London sich zum Finanzzentrum neben New York und Tokio etablierte, als der Aufschwung alle in Erregung versetzte, haben sich die Banken bis hierhin, bis in die Fleet Street hineingefressen", sie werden auf die neuen Messingschilaer neben den alten Drehtüren weisen.

Fleet Street?

Fleet Street war einmal das Zentrum der Presse, will sagen: der Londoner Presse, was nach britischer Einschätzung eben doch "die Presse" ist. Wer Fleet Street hörte, dachte an Zeitung, an eine seriöse Zeitung, er dachte womöglich an die Zeitung, an The Times.

Ein Mythos, das alles. Manches, was wir Deutschen an den Briten lieben, ist ja ein ganz klein wenig unwahr. Die meisten seriösen Engländer – jene, die sich in der Gartenpflege als wahre Gentlemen erweisen – haben doch schon immer den langweiligen Daily Telegraph (Auflage eine gute Million) gelesen und nicht die Times. Die Times ist schon lange nicht mehr seriös, vielmehr ein rechtes Boulevardblatt, getarnt als die Times (Auflage etwa 450 000). Die wahren seriösen Nachrichten bietet – wiewohl auf rosa Papier – die Financial Times (Auflage 264 000), die in der City logiert – die einzige Zeitung, sagt der greise Charles Wintour (gedienter Offizier, verdienter Journalist und Pressekritiker), die er auf jene vielzitierte Insel mitnehmen würde.

Die Times war im übrigen auch nie in Fleet Street zu finden, sondern immer nur in der Nähe der Fleet Street, wie viele andere Zeitungen auch. Wie hätte es auch möglich sein sollen, auf den paar Straßenmetern alle Zeitungen zu drucken für dieses Volk der Briten, das täglich gierig nach fünfzehn Millionen Exemplaren der überregionalen Presse greift, nach Daily Mail, Daily News, Daily Mirror, Daily Express, The Sun und The Star, alle, na fast alle, mindestens hundert Jahre alt. Selbst am Wochenende können die Briten nicht ohne Zeitung sein, in Scharen fallen sie über die Kioske her, um ihre "sunday papers" (papers, Plural, wohlgemerkt) zu erstehen: Siebzehn Millionen werden dann abgesetzt. Wer die Briten für ein ausgeglichenes teeschlürfendes Völkchen gehalten hatte und dann über Falkland tief erschrak – beim Zeitungskaufen hätte er die nationale Neigung zum rabiaten Zugriff erkennen können.