Von Henning Engeln

Nach zwei Stunden Verhandlung im heißen, überfüllten Saal 4H1 des Landgerichts Hannover herrschte Einigkeit darüber, was am Institut für Virologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover geforscht wird; nur wie man es bezeichnen darf, das bleibt umstritten. Darf der Landesgeschäftsführer der niedersächsischen Grünen, Dr. Manuel Kiper, behaupten, an der Tierärztlichen Hochschule werde „Militärforschung“ betrieben, werde „an potentiellen Biowaffen und/oder an biologischen Kampfstoffen geforscht“? Die Professoren Oskar-Rüdiger Kaaden und Volker Moennig, denen Kipers Attacken galten, hatten eine einstweilige Verfügung erwirkt, gegen die wiederum der grüne Politiker und Molekularbiologe Widerspruch erhoben hatte.

Unumstritten ist, daß an dem Institut in Hannover mit gentechnischen Methoden Impfstoffe gegen bestimmte Viren aus der Gruppe der Arboviren entwickelt werden – finanziert vom Bundesverteidigungsministerium. Außerdem haben die Virologen in Hannover monoklonale Antikörper gegen die Erreger von Maltafieber (Schafsbrucellose) und Tularämie (Hasenpest) hergestellt, mit deren Hilfe sich die Bakterien besser diagnostizieren lassen. Beide Seuchen sind meldepflichtig und können auch den Menschen befallen.

Was die Forschungen in den Augen Kipers brisant macht, ist die Finanzierung durch das Verteidigungsministerium, die ein militärisches Interesse an den Ergebnissen vermuten lasse. Zudem gehören die in Hannover gezüchteten Viren – das Semliki-Forest- und das Sindbis-Virus – zu den Arboviren, zu denen auch potentielle biologische Kampfstoffe wie das Chikungunya-Virus und der Erreger der venezolanischen Pferdeenzephalitis gerechnet werden. Die Arbogruppe umfaßt mehr als 300 Virusarten, die von blutsaugenden Insekten – Stechmücken, Zecken, Spinnentieren – übertragen werden und meist Fieber sowie Entzündungen in Hirn und Rückenmark auslösen.

Für Kiper ist praktisch alles, was den Menschen in irgendeiner Form krank macht oder beeinträchtigt, eine potentielle Biowaffe. Den Militärs gehe es weniger um tödliche Erreger als vielmehr darum, die Soldaten des Gegners kampfunfähig zu machen oder zu schwächen. Ein Impfstoff, der eigene Soldaten und Bevölkerung schütze, sei jedoch Voraussetzung für den Einsatz von Biowaffen. Dadurch entstehe eine Grauzone, in der sich defensive und offensive Forschungen nicht mehr unterscheiden ließen.

Ganz anders sieht das Volker Moennig. Alle Forschungen an der Tierärztlichen Hochschule seien beim Bundesgesundheitsamt gemeldet und die Ergebnisse würden veröffentlicht. Impfstoffe und Nachweismethoden, die allgemein verfügbar seien, verhinderten geradezu die Verwendung eines Erregers als Biowaffe, denn dann könne sich jeder schützen. Der Polio-Virus (Kinderlähmung) sei beispielsweise noch in den fünfziger Jahren eine potentielle Biowaffe gewesen, heute jedoch dank der allgemeinen Verfügbarkeit eines Impfstoffes nicht mehr. Vielmehr bestehe an den Forschungen in Hannover ein ziviler medizinischer Bedarf, da beispielsweise die Arboviren nach dem Aids-Virus an zweiter Stelle auf der Dringlichkeitsliste der Weltgesundheitsorganisation stünden.

Ob Kiper seine umstrittenen Worte weiter äußern darf, wollen die Richter am nächsten Dienstag entscheiden. Was die Juristen dann auch verkünden mögen, ihr wichtigstes Ziel haben die Grünen in jedem Fall erreicht; nämlich in der Öffentlichkeit „eine Problematisierung jeglicher gentechnischer Forschung insbesondere im militärischen Bereich“ zu erreichen, wie Kiper es während der Verhandlung formulierte. Tatsächlich bilden die Vorgänge an der Tierärztlichen Hochschule für die Grünen nur den Vorwand, um auf bedenkliche Entwicklungen hinzuweisen.