Kopfschüttelnd lausen sich zwei Affen (Wolfgang Gasser und Hannes Siegel). Einem Laubbaum (Bernd Birkhahn) ist es todschlecht. „Mir läuft das schwarze Innere aus“, klagt die Konifere, aus deren sterbendem Stamm das Gesicht des Schauspielers Klaus Höring schaut. Ein Schwein (Alexander Rossi) schleppt sich mit gelähmten Hinterbeinen an die Rampe und stirbt: „Panorama! Panorama!“, letzte Worte. Ein mannshoher Papagei, ein ziemlich abgerissener Vogel (unter dessen Gefieder sich Urs Hefti versteckt), läuft aufgeregt und ohne eine rettende Idee durch die Szenen dieses Untergangs. Dann setzt er sich zu den Affen, die sich gerade zur Ruhe betten, und macht sich selber auch zum Schlaf bereit. „Vorbei, vorbei“, der Endzeitvogel krächzt sein Nachtgebet. So endet im Wiener Akademietheater, dem zweiten Haus der Burg, die Uraufführung von Herbert Achternbuschs „An der Donau“. Es ist (nach „Linz“ an den Münchner Kammerspielen und dem „Weißen Stier“ im Bonner Stadttheater) die dritte Achternbusch-Uraufführung dieser Saison.

In Achternbuschs Buch „Wellen“, das 1983 bei Suhrkamp erschien, entwickelt sich das Stück aus schönen autobiographischen Reflexionen. Achternbusch erzählt, wie er aus billigstem Material (Altholz, Holzschwämmen und Papier) Plastiken herstellte, redet vom Tod des siebzehnjährigen Andreas Frank, Sohn eines Freundes, räsoniert über den Filmemacher Werner Schroeter und freut sich, daß er für „Das letzte Loch“ gerade den Bundesfilmpreis erhalten hat. „Verflucht“, schreibt Achternbusch, „wie weit bin ich davon entfernt zu machen, was ich wollte – Komik!“ Auch wenn die autobiographischen Texte zusammen mit den Dialogen, die sich am Ufer der Donau ereignen, das Titelstück des Buches sind, zwischen den Drehbüchern zum „Gespenst“ und zum „Wanderkrebs“ wirken sie eher wie eine Zugabe, weniger für die Öffentlichkeit als für die Fans bestimmt. Das Wissen um solche Texte hätte uns später als Beweis echter Kennerschaft dienen können.

Damit ist es jetzt vorbei. Die unverhoffte Prominenz, die Uraufführung am Burgtheater, macht sie plötzlich furchtbar klein. Ihre Entdeckung durch zwei Theaterprofis, den Regisseur Alfred Kirchner und den Dramaturgen Hermann Beil, konnten sie nicht überleben. Auch den beiden Herren müssen Zweifel gekommen sein. Achternbuschs Dialoge ergeben in der Burgtheater-Version kein „Stück“ mehr, sondern nur noch ein „Libretto“, Musik: Heiner Goebbels.

Erst glaubt man, im falschen Theater zu sein. Eine Achternbusch-Uraufführung ist angekündigt, aber wir hören, wie Orchestermusiker ihre Instrumente stimmen. Das Programmbuch verspricht „Musik aus Äthiopien, China und Europa (Rossini, Mussorgskij, Bizet, Schönberg, Messiaen)“. Nicht mit Pauken und Trompeten, sondern mit Tonnen, Ketten, Blechen als Schlaginstrumenten wird der Text künstlerisch beatmet. Heiner Goebbels, ein genialer Collageur, hat genau erkannt, was fehlt: Dieser Achternbusch-Text ist nicht konsequent, nicht wütend, nicht kakophon genug. Goebbels hat das imposant vertuscht. Und doch bleibt von diesem glänzenden Abend vor allem ein übler Nachgeschmack. Diese Donauwellen kommen aus der Retorte. Der Traum vom Theater als Labor: hier geht er zu Ende.

Auch das Libretto handelt von einem Untergang. Nach der großen Katastrophe ruft am Ufer der Donau ein Paar um Hilfe, schaufelt der letzte Arbeiter Erde von einem Haufen auf den anderen und trinkt dabei Bier. Drei Götter, die kalauernd über den Sinn der Schöpfung diskutieren, verwechseln die Hilferufe mit dem Stöhnen der Wollust, während sie der Arbeiter in Opernpose besingt: „Diese Saubären müssen am hellichten Tag vögeln! Die gehören mit der Schaufel erschlagen.“ Das mag für einen Augenblick komisch sein. Der Abend aber dauert fast zwei Stunden.

Die Donau ist auf Katrin Bracks Bühne ein schnurgerader Kanal, in den sich 20 Neger einfädeln, die 20 letzten. Sie fahren auf ihrem Einbaum die Donau hinunter, entpuppen sich als Negerchor und erreichen statt Wien Afrika. Wir entnehmen das dem Auftritt eines Pappelefanten. Inzwischen ist die um Hilfe rufende Frau am Donauufer ihrem Mann davongeschwommen und als „weiße Frau“ Königin der Neger geworden, denen schließlich zwei Chinesen begegnen, die in einem kleinen Boot ebenfalls auf der Donau fahren. Ein Gott wird von einem Riesenkaktus getötet, ein anderer erfindet noch einmal das Bier („Ich schaff es! Ich geh ins Nichts und schaff es!“). Am Ende schütteln auch die Affen die Köpfe.

Leider war das eigentliche Stück dieses Abends kein Libretto, sondern eine Tragödie. Es ist erschreckend, zu beobachten, wie Achternbusch seit einiger Zeit seinen eigenen Ausverkauf betreiben hilft. Er arbeitet den Kulturverwertern in die Hände. Mit größtem Schrecken hört man, daß er nun auch das Drehbuch zu seinem Film „Das letzte Loch“ als Theaterstück freigegeben hat, Uraufführung nächstes Jahr in Bremen. War dieser Film, den er jetzt ins Repertoire schickt, nicht ein großartiges Dokument einer ganz persönlichen Trauer?