Mathias Rust, der nach seinem waghalsigen Flug auf dem Roten Platz in Moskau landete und derzeit im Lefortowo-Gefängnis einsitzt, wird auf seine Rückkehr in die Bundesrepublik noch einige Zeit warten müssen.

Immer mehr Hinweise aus der UdSSR deuten darauf hin, daß sich der 19jährige für sein Unternehmen vor einem Gericht zu verantworten hat. Die zuständigen Behörden wollen allerdings im Fall des jungen Sportpiloten nichts dramatisieren oder Voreingenommenheit zeigen, wie der Sprecher des sowjetischen Außenministeriums, Boris Pjadyschew, am Dienstag auf einer internationalen Pressekonferenz erklärte. „Die Zeiten willkürlicher Lösungen sind bei uns vorbei.“

Wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind, wird Rust möglicherweise wegen Verletzung der sowjetischen Grenze angeklagt. Daran wird auch der Appell der Eltern an Generalsekretär Gorbatschow, ihren Sohn freizulassen, nichts ändern. Derweil gehen zwischen Moskau und Wedel die Spekulationen über die Motive des leichtsinnigen Fliegers munter weiter: Vater Karl-Heinz Rust vermutet, daß sein Sohn in Sachen Frieden unterwegs gewesen ist. Reykjavik (wo 1986 der Gipfel zwischen Reagan und Gorbatschow gescheitert ist) – Helsinki (wo 1975 und 1985 KSZE-Konferenzen stattgefunden haben) – Moskau (von wo neuerdings die Abrüstungsinitiativen ausgehen), eine symbolische Luftverbindung zwischen jenen Städten, die für den Versuch zur Entspannung des Ost-West-Verhältnisses stehen.

Oder hatte Rust einen ganz persönlichen Anlaß? Wollte er seiner früheren Freundin imponieren, wie diese zu Protokoll gab? War er lediglich auf ein Abenteuer aus, wie die bevorzugte Version in Bonn lautet? Rust selber sprach bei einem ersten Treffen mit einem bundesdeutschen Konsularbeamten von „politischen Motiven“. In Moskau kursieren Mutmaßungen, daß der inhaftierte Pilot im Auftrag von Hintermännern, von Feinden der Abrüstung und Entspannung auf die Reise geschickt worden sei. Die Zeitung Sowjetskaja Rossija verglich Rusts Unternehmen mit dem Flug des Amerikaners Gary Powers, der 1960 in den sowjetischen Luftraum eindrang und von den Sowjets abgeschossen wurde. Der Vorfall vereitelte damals ein Gipfeltreffen.

Jedenfalls hat der spektakuläre Moskau-Besuch des 19jährigen empfindliche Kratzer im (militärischen) Selbstbewußtsein der Sowjets hinterlassen. Darüber ist man sich in Bonn durchaus im klaren und übt sich deshalb in zurückhaltender Diplomatie. Schließlich soll die Atmosphäre vor einem lange geplanten, regulären Moskau-Besuch nicht vergiftet werden: Am 6. Juli wird Bundespräsident Richard von Weizsäcker in der sowjetischen Kapitale erwartet. Die UdSSR will ihrerseits die deutsch-sowjetischen Beziehungen nicht belasten, wie Außenamtssprecher Gennadij Gerassimow vergangene Woche erklärte. Man habe „mit Befriedigung“ das Bedauern der Bundesregierung über den Flug Rusts registriert. Offensichtlich haben auch die kritischen Äußerungen Weizsäckers zu „Feindbildern“ der Bundeswehr im Kreml Pluspunkte eingebracht. Was noch lange nicht heißt, daß der Bundespräsident den Skandal-Piloten mit nach Hause nehmen kann. -ill