Von Ulrich Stock

Das Deutsche Ärzteblatt erhalten alle Ärzte in der Bundesrepublik; für gewöhnlich ist sein Inhalt nicht sonderlich spektakulär. In der Ausgabe vom 30. April dieses Jahres ist nun ein Interview erschienen, das die Gemüter außerordentlich erhitzt. Gewidmet ist das Interview den medizinhistorischen Betrachtungen eines jungen Arztes aus Rheinhessen, Hartmut Hanauske-Abel. Doch nicht er wird befragt, sondern Karsten Vilmar, Präsident der Bundesärztekammer. Das Interview ist eine im Ton vernichtende Replik auf einen Aufsatz, den der 36jährige Hanauske-Abel im August vergangenen Jahres in der angesehenen britischen Medizin-Zeitschrift The Lancet veröffentlicht hat.

Unter dem provokanten Titel „From Nazi Holocaust to Nuclear Holocaust: A Lesson to learn?“ (der Autor übersetzt es mit: „Vom Nazi-Holocaust zum nuklearen Holocaust: ein historisches Modell?“) vergleicht Hanauske-Abel das Verhalten deutscher Ärzte im Dritten Reich mit dem Verhalten deutscher Ärzte in der Bundesrepublik. Dabei geht es ihm nicht um einfache Gleichsetzungen, die – wie er selber sagt – „ganz falsch wären“. Es geht ihm um den Umgang der Ärzteschaft mit staatlicher Ideologie. Damals fühlten sich viele Ärzte den Begriffen Volksgesundheit, Rassenhygiene und Erbbiologie mehr verpflichtet als ihren Patienten, einige durch aktive Teilnahme an der Massenvernichtung, andere durch Stillhalten.

Heute nehmen in der Bundesrepublik Ärzte an Seminaren zur „Katastrophenmedizin“ teil, die auf einen kommenden Krieg zugeschnitten sind und vom Einsatz biologischer, chemischer und atomarer Waffen gegen die Zivilbevölkerung ausgehen. „Als deutscher Arzt“, sagt Hanauske-Abel, „muß ich dagegen meine Stimme erheben.“

Das Prinzip der präventiven Medizin: Krankheitsvermeidung statt -behandlung, will er auf den Einsatz moderner Waffen übertragen sehen. So wie Ärzte vor dem Rauchen als einer Ursache des Lungenkrebses warnen, so müßten sie auch vor den Massenvernichtungsmitteln warnen, anstatt sich medizinisch auf die Möglichkeit der Auslöschung von Hunderttausenden vorbereiten zu lassen.

Dieser Auffassung tritt Ärztekammer-Präsident Vilmar im Ärzteblatt-Interview scharf entgegen: „Im Gegensatz zu Lancet-Autor Hanauske-Abel haben wir stets an dem Prinzip festgehalten ... daß das Wirkungsfeld der Ärzte tatsächlich die angeblich so kleine Ebene der beruflichen Pflichterfüllung ist und sie dabei keinen Unterschied machen dürfen, weder nach Religion, Nationalität, Rasse noch nach Parteizugehörigkeit oder sozialer Stellung und natürlich auch nicht nach der Ursache der Schädigung.“

Gewiß kann man sich über die Thesen von Hartmut Hanauske-Abel streiten. Ihm liegt sogar daran. Doch sollte man sich an die Spielregeln halten. Das Ärzteblatt druckte nicht den Lancet-Artikel als Diskussionsgrundlage ab, wie es der Zeitschrift eines demokratischen Verbandes gut angestanden hätte. Für den dreiseitigen Aufsatz war „kein Platz“, wie Karsten Vilmar der ZEIT sagte. Platz war aber für das achtseitige Interview. Auch wird der Kritiker von der ersten bis zur letzten Zeile wie eine Unperson behandelt. Man verschweigt, ganz im Gegensatz zu den üblichen Gepflogenheiten, seinen Doktortitel und stellt ihn wie folgt den Lesern vor: „Verfasser (des Lancet-Artikels) ist ein Arzt namens Hartmut M. Hanauske-Abel, der bis vor kurzem an der Kinderklinik Mainz tätig war (danach offenbar im Kinderkrankenhaus der Harvard Medical School in Boston/USA und derzeit vermutlich in Skandinavien).“ Gilt es sonst als Ausweis besonderen Könnens, international zu arbeiten, wird Hanauske-Abel hier als Herumtreiber ohne festen Aufenthaltsort charakterisiert, der zudem nichts besseres zu tun hat, als – wie es Karsten Vilmar später im Text formuliert – „die Ärzte der Bundesrepublik Deutschland außerhalb unserer Grenzen zu diskreditieren“.