Von Martina Abele

Jagen, Angeln, Schwimmen und Bootfahren verboten!“ mahnt ein Schild am Ufer des Audubon-Sees im Audubon-Nationalpark in North Dakota/USA. Dennoch rattert in der Nelson-Bucht der Zweitaktmotor eines flachen Holzbootes. Ein bärtiger Mann in Tarnkleidung sitzt drin, hält in der einen Hand den Steuerknüppel, umklammert mit der anderen Hand sein Fernglas. Er hat bei dem harten Wellenschlag Mühe, die Seefläche abzusuchen. Doch plötzlich hat er etwas entdeckt, legt das Fernglas beiseite und greift nach seinem Sprechfunkgerät: „Da vorne sind sie!“ brüllt er, um den Lärm von Motor und Fahrtwind zu übertönen.

Ungefähr in zweihundert Meter Entfernung schwimmt eine Schar Gänse, die sich ängstlich zusammendrängt. Aufgeschreckt von dem lärmenden Motorgeräusch, lösen sich zwei Tiere von der Gruppe und paddeln mit ausgestreckten Hälsen ins Schilf. „Das sind die Alttiere“, erzählt der Störenfried auf dem Wasser. Er heißt Craig Hultberg, ist Biotechniker und mit dem Boot für den Naturschutz unterwegs auf Gänsejagd. „Die kennen den ganzen Zirkus schon von den Jahren zuvor“, grinst Hultberg. Es sind Kanadagänse, die sich im Juli/August in der Mauser befinden und für kurze Zeit ihre Flugfähigkeit einbüßen. So nützt auch die Flucht ins Uferdickicht nichts. Im Gegenteil. Die Gänse sitzen längst in der Falle: Eine Crew des „US Fish and Wildlife Service“ (FWS) hat nämlich am Ufer entlang einen grünmaschigen Zaun installiert, der sich in der Mitte trichterförmig wie eine Fischreuse verengt und in einem Käfig endet.

Zu beiden Enden des Zaunes kauern zwei Biologiestudentinnen im kniehohen Gras. Man hat ihnen eingeschärft, das Versteck nicht ohne Craigs Zuruf zu verlassen. Als sein aufforderndes „go“ vom See zu hören ist, springen die Frauen auf und treiben die Federtiere den Zaun entlang bis zum Käfig. Sobald die letzte der schwarz, grau und weiß gefärbten Gänse durch die Käfigöffnung gewatschelt ist, wird es laut, und die bisher im Dickicht versteckten Biologen betreten triumphierend das mit Federn übersäte Schlachtfeld.

Um den Auftrag „Gänse beringen“ schnell und reibungslos zu erledigen, wird jeder gebraucht, der im Dienst der Nationalparkverwaltung steht. Sinn und Zweck des Beringens ist es, mehr Informationen über die mittlerweile auch in England, Schweden, Dänemark, Norwegen und stellenweise auch in der Bundesrepublik ausgewilderten Kanadagänse zu erhalten, zum Beispiel über ihre Zugrouten oder ihre Rast- und Überwinterungsgebiete.

Geschickt packt der Biologe Mick Erickson eine Gans am Flügelansatz und klemmt den Kopf des verängstigten Tieres unter den Arm. „Paß auf, die Gänse kratzen und zwicken“, begründet er die ruppige Vorsichtsmaßnahme und deutet auf die scharfen Hornlamellen im Gänseschnabel und auf die spitzen Zehenkrallen. Der Biologe bestimmt zuerst, ob Gans oder Ganter, dann liest er an einer Meßzange die Flügel- und Kopflänge ab. Zum Schluß wird der Gans ein Aluminiumring um das Bein geheftet, und sie erhält die Freiheit zurück.

Etwas ungeschickt, aus Angst, das Tier zu verletzen, fange ich meine erste Kanadagans. Es ist ein Ganter, also ein Männchen, und er wiegt gut 15 Pfund. Durch die Brustfedern spüre ich den flatternden Herzschlag des Vogels, und ich beeile mich, den Nummernring am Fußgelenk mit einer Zange so anzubringen, daß er sich leicht drehen läßt und später keinen Schaden verursacht. Jede gefangene Gans wird in großer Eile und dennoch genau von jeweils zwei Biologen untersucht. Zwar erleiden die Vögel durch die Prozedur keine Schmerzen, dafür aber Streß. Als sich am Abend die glutrote Sonne über dem Nationalpark senkt, macht sich die Crew nach einem langen, arbeitsreichen Tag erschöpft auf den Rückweg. „Die Ausbeute hat sich gelohnt, immerhin 49 Exemplare“, stellt Craig fest.