Von Dieter Buhl

Venedig, im Juni

Das Benediktinerkloster zum Heiligen Georg hat im Laufe seiner fast tausendjährigen Geschichte viele illustre Gäste erlebt. Könige, Päpste und einige andere hochmögende Herren haben das Eiland gegenüber dem Markus-Platz beehrt, das die Heimstatt des ehrwürdigen Gemäuers ist. Ob der abgeschiedene Ort die Besucher auch zu geschichtlichen Leistungen animiert hat, lassen Venedigs Annalen nicht erkennen. Vieles spricht dafür, daß sie dort ebensowenig tiefe Spuren hinterlassen haben wie die sieben Grandi, die sich jetzt zum zweiten Mal beim Weltwirtschaftsgipfel auf der Insel San Giorgio trafen: Die Großen der westlichen Welt bilden nun einmal kein Entscheidungskomitee. Selbst wenn sie noch vor jedem ihrer Treffen Entschlossenheit und Tatkraft ausstrahlten, zum Schluß fehlte meistens der unbedingte Wille zur Gemeinsamkeit.

In dieser Hinsicht liegt auch Venedig im Trend. Zumal die politische Debatte während der ersten Konferenzphase mündete dort ein, wo sie wenig beeindruckt, wo die Erstbesteiger des Gipfels vor 13 Jahren sie allerdings gern sehen wollten; nämlich im unverbindlichen Austausch von Meinungen und Informationen. Weniger im Sinne der Erfinder dürfte jedoch die Flut von Papieren sein, mit denen sich die Staats- und Regierungschefs Fleiß und Kompromißfähigkeit bescheinigten.

Lohnt sich der Aufwand? Zahlen sich die Investitionen an Zeit und Geld aus, die ein solches Treffen verlangt? Wie bei den vorhergehenden Gelegenheiten kamen diese Fragen auch in der Lagunenstadt auf. Doch sie gingen schnell unter im Rotorenlärm der kreisenden Hubschrauber und im Rauschen der massenhaft präsenten Polizeiboote. Wo so viel für die Sicherheit getan wird, kann nur Wichtiges geschehen. Diese Gleichung müßte jedenfalls den in ihrem Radius begrenzten Touristen und den ums Geschäft besorgten Venezianern genügen.

Einer, dem die Sicherheitsmanie am wenigsten einleuchtete, war der Bundeskanzler. Er wurde nächtens spazierend auf dem Markus-Platz gesehen und ließ sich auch den öffentlichen Pfingstgottesdienst der Basilika San Marco nicht entgehen. Auf den Spuren seiner Hochzeitsreise vor mehr als zwei Jahrzehnten und im Drang nach den geliebten Nudeln war er nicht zu bremsen. Der dichte Polizeikordon konnte Helmut Kohl auch nicht davon abschrecken, seinen Aperitif just dort einzunehmen, wo sich das ganz normale Volk vergnügte und die Polizei zum hilflosen Statisten wurde. Sein Vergnügen am Publikumskontakt siegt allemal über den Eifer der Sicherheitsperfektionisten.

Kohls sonniges Gemüt kam ihm auch sonst zupaß. In Venedig drohte einiges auf ihn zuzukommen. Das Bonner Zögern in der Abrüstungsfrage und die übervorsichtige Haushaltsführung am Rhein hatten viele Partner irritiert. Über der Lagune braute sich für die Deutschen ein Sturm zusammen. Was lag da näher, als den Kritikern mit Optimismus und gesundem Selbstbewußtsein den Wind aus den Segeln zu nehmen? Kohl besorgte das im Kreise seiner Kollegen, indem er die Leistungen der deutschen Wirtschaft und die Friedensbereitschaft seiner Regierung pries.