Von Anna von Münchhausen

Aah, tut das gut. Ein bißchen frische schottische Milch in die Tasse und den starken Tee dazu, daß er blonde Locken wirft. Afternoon teas – die Wohltaten dieser britischen Institution machen den Plural unvermeidlich. Anders ist er nicht zu erklären – weder gibt es mehrere Sorten Tee (Assam oder Earl Grey stehen zur Wahl), noch wird erwartet, daß du mehrere bestellst. Dann jedenfalls nimmst du einen noch warmen Scone und ein bißchen aufgeschlagene Sahne, dazu die unvergleichlich süße Himbeermarmelade mit den kleinen Kernen, die nach Sommer schmecken; so, und nun rekelst du dich in diesen breiten Ohrensessel und merkst, wie die grauenhafte Gespenstergeschichte, die du soeben mitten am hellichten Tag erlebt hast, allmählich ihren Schrecken verliert. Noch einen Tee? Bitte.

Wie gesagt, eine unglaubliche Geschichte. Steil und eng ist die Treppe, die in den zweiten Stock zum Turmzimmer hinaufführt. Asymmetrisch winklig schmiegt es sich in die Rundung, zehn Quadratmeter groß, höchstens. Hier also soll es gewesen sein. Eher ein Verschlag als ein königlicher Salon, trotz der getäfelten Wände. Der Tisch stand wohl in der Mitte, dort muß er gesessen haben: David Rizzio, das Opfer der Verschwörung, Sekretär der Maria Stuart.

War er hübsch? Wir lesen Widersprüchliches. Stefan Zweig nennt ihn einen „hergelaufenen Wandermusikanten zweifelhaftester Abkunft“. Nun ja – dichten jedenfalls konnte er wohl und dazu singen zur Laute. Für einen Sekretär ein bißchen zu gut. Maria vertraut ihm. Er darf dabeisein, wenn sie abends mit ihren Damen tafelt, tanzt und singt – wie an diesem Frühjahrsabend auch.

Die Lords sehen das nicht gern. Vor allem nicht Lord Darnley, Marias eben angetrauter Ehemann, ein eitler Geck, viel zu jung, um ernsthaft Eindruck zu machen.

In dieser Nacht soll Rizzio büßen. Plötzlich steht eine dieser karierten Clans-Gestalten in der niedrigen Tür, schwer bewaffnet. Mehrere folgen, poltern die enge Treppe hinauf. Gedränge, Schreie, Fragen: „Was werft Ihr Rizzio vor?“ Verhandelt wird nicht – Rizzio wehrt sich, schreit, schlägt um sich. Da stürzt der Tisch um. Der Italiener versucht, sich an Marias Kleidersaum festzuhalten, er ruft sie um Hilfe an – auf französisch, auch das noch.

Sie schleifen ihn hinaus, durch Marias Schlafzimmer, in den Empfangssalon, dort fallen sie über ihn her. Eine Art Blutrausch muß sie erfaßt haben. Der politische Mord ist für schottische Edelleute so etwas wie ein eingeübtes Ritual, mit schriftlich vorab festgelegter Absichtserklärung und Teilnehmerliste. Jemanden fertigmachen, wörtlich genommen.