Von Karl Markus Michel

Über den Türmen der Stadt liegt es wie Blei. Wer an diesem Augusttag vom Gänsemarkt zum Rathaus geht, begreift, was „ausgestorben“ heißt. Fast alle Fenster geschlossen, an vielen Haustüren ein weißes Kreuz, mit hastigem Pinsel geschmiert. Ein Lastwagen, der langsam den Neuen Wall entlangfährt, skandiert die Todesstille. Männer in Schutzanzügen, mit Masken vor dem Gesicht, tragen die Plastiksäcke herbei und werfen sie auf den Wagen. Manche Säcke liegen so auf dem Weg, als hätte man sie aus dem Fenster gekippt, zusammen mit verseuchten Bettlaken, Kleidern, Mullbinden. Nicht alle Körper sind vorschriftsmäßig verpackt und etikettiert. Einige liegen in Straßenkleidern da, wohl unterwegs zusammengebrochen, vielleicht nur ohnmächtig. Auch sie landen auf dem Lastwagen, der jetzt zum Jungfernstieg abbiegt. In der Kurve rutscht ein Sack herunter, bleibt liegen. Wen kümmert es? Das Entsetzen ist Alltag geworden.

Vor ein paar Monaten, als alles begann, war der Schrecken viel deutlicher zu spüren, als individuelle Reaktion, die sich von der üblichen Gleichgültigkeit abhob. Die Behörden vertuschten die Seuche noch lange, nachdem die ersten Gerüchte über Todesfälle aufgetaucht waren. Dadurch beförderten sie zwei gegensätzliche, aber nicht unvereinbare Haltungen: das Herbeibeten und das Hinwegspotten der Pest. Ersteres äußerte sich in einer Katastrophensucht, die gierig nach jeder Unheilbotschaft griff, um ihr ein Heilsversprechen abzulisten. Geistheiler und Quacksalber machten gute Geschäfte, bis ihre todsicheren Rezepte im großen Sterben untergingen. Auf der anderen Seite das Spielen mit der Gefahr, der hektische Tanz am Abgrund; man feierte sich förmlich ins Massengrab.

Als dann die Seuche nicht mehr zu leugnen war, als die wilde Flucht einsetzte, das Sanitätswesen zusammenbrach, das Marodieren anhob, kurz, als – zu spät – die Stunde der Exekutive schlug, waren die individuellen Reaktionen schon in kollektive umgekippt. Panik kam auf. Der Wahnsinn verbreitete sich ebenso wie die Pest, man wollte Opfer. Viele bestanden darauf, daß es sich nicht um eine Infektion handelte, sondern um eine Vergiftung: ein Feind – die Russen, die Terroristen, die Marsmenschen – hätte sie über das Leitungswasser, die Lebensmittel oder die Luft verbreitet. Da dieser Feind aber nicht zu fassen war, hielt man sich an die Fremden, die Türken zumal. Ein Teil der Presse schürte die Hysterie. Der Einwand, daß die Türken gleich allen anderen von dieser Vergiftung betroffen seien, provozierte nur Haß. Wo immer ein Verdächtiger ausgemacht wurde, fiel eine rasende Meute über ihn her. Es kam zu Lynchmorden. Es kam auch zu Massenaufläufen vor dem Rathaus. Der Tod lief mit.

Dann plötzlich die Lähmung, der Fatalismus. Die dumpfe Resignation. Auch Plünderungen und Brutalitäten wurden, als sie überhand nahmen, ignoriert. Warum sich einmischen? Es hat keinen Sinn. Jeder meidet den anderen. Jeder erwartet den Tod. Nur selten noch bäumt sich jemand auf. Da – ein gellender Schrei aus der Rathausstraße. eine junge Frau hat ein Fenster aufgerissen, beugt sich hinaus, als wollte sie sich nach unten stürzen. Die Männer in den Schutzanzügen blicken nicht einmal hoch, legen nur einen leeren Sack vor die Haustür.

Zu dieser Reportage aus der Zukunft ist zweierlei zu sagen. Erstens: Sie ist nicht erfunden, sondern abgeschrieben. Alles steht so oder ähnlich in bekannten Berichten über die Pest, und für das meiste lassen sich mehrere Quellen anführen, zum Beispiel Thukydides (Athen 430 v. Chr.), Prokop (Konstantinopel 542), Boccaccio (Florenz 1348), Manzoni (Mailand 1630), Defoe (London 1665), Abraham a Santa Clara (Wien 1679). Und zweitens: So wie einst beschrieben, wird sich die Pest in unseren Zeiten und Breiten nicht wiederholen, jedenfalls nicht im Krankheitsbild, als Beulen- und Lungenpest. Die ist seit fast zweihundert Jahren aus West- und Südeuropa verschwunden. Das allein bietet uns freilich noch keine Gewähr. Zwischen den beiden großen Pestwellen, die – am Anfang und am Ende des Mittelalters – über Europa hereinbrachen, gab es sogar ein Pause von 500 Jahren. Aber seit die zweite Welle verebbte, um 1800, haben sich nicht nur die Lebensbedingungen in den Städten geändert, es wurden auch die Infektionswege entdeckt und wirksame Impfstoffe entwickelt.

Wirksam sind sie aber nur, solange der Pestbazillus sich nicht verändert. Wir wissen heute, daß auch Krankheiten ihre Geschichte haben; sie passen sich den Umständen an, finden unsere Schwachstellen heraus. Wir können deshalb nicht ausschließen, daß eine Epidemie in der Art der Pest einmal wiederkehrt. Wir können vor allem nicht ausschließen, daß das Verhaltensmuster wiederkehrt, das uns die Pestberichte mit nur wenigen Variationen überliefert haben, von des Thukydides Beschreibung der Pest in Athen (es handelte sich vermutlich um Typhus oder Pocken) bis zu Heines Reportage über die Cholera in Paris 1832: „Es war, als ob die Welt unterginge.“ Denn man lebte diesen Untergang.