Auch Magie ist nichts als ein Effekt. Von Anfang an lebte ihre Ausstrahlung vom Schauen und Staunen. Im Kino ist sie Resultat ganz einfacher Zauberkräfte: der von Licht und Schatten. Solange die Säle hell und erleuchtet sind, geschieht gar nichts. Erst wenn sie dunkel werden, leuchten andere Welten auf. Nichts können wir Zuschauer da tun und nichts geben, nicht einmal Beifall Alles geht sehr fern vor sich, außerhalb unserer Reichweite. Vor der weißen Leinwand in einem nächtlichen Raum schauen wir – und geraten ins Staunen.

Und nun im Berliner "Esplanade" eine ganz andere Zauberei: die Magie der Maschinerie. Die deutlichere Vorstellung, indem man durch die Wunderwelt der Kino-Apparatur flaniert, indem man plötzlich von innen sieht, was sonst immer unsichtbar bleibt. Alte und neue Kameras mit ihren Kurbeln, Objektiven und Filtern. Alte und neue Lampen, Tongeräte, Filmrollen, Schneidetische. Alte und neue Dekorationen, Kostüme, Requisiten. Da ist der Filmschmuck von Henny Porten. Und der Mantel, in dem Peter Lorre in Langs "M" durch die Straßen schlich. Da ist der Helm, den Asta Nielsen in "Hamlet" trug. Und die Kastagnetten, mit denen Pola Negri in Lubitschs "Carmen" klapperte. Da ist das Modell für "Brunhildes Burg mit Flammensee und Nordlicht" aus Langs "Nibelungen" Und der aufgeschnittene Wohnwagen mit Bett und Toilettentisch aus Wim Wenders’ "Der Himmel über Berlin".

Die Ausstellung der Stiftung Deutsche Kinemathek nimmt das alte Berliner Nobelhotel "Esplanade" als großes Atelier: als leeren Raum, in den hinein mit Kulissen und Dekors eine fremde, geheimnisvolle Welt gezaubert wird. Passagen und Schaufenster gibt es: eine Passage für Details der Ausstattung, der Bauten, des Tons, der Technik; Schaufenster für Dokumente und Drehbücher, für Architekturskizzen und Trophäen Eine Trümmerwand gibt es, eine Mauer aus Bildern, die von Berlin-Filmen aus den Nachkriegsjahren künden: von Wolfgang Staudtes "Die Mörder sind unter uns" (1945) bis zu Uwe Schraders "Kanakerbraut" (1985). Die Rekonstruktion einer Werkstatt gibt es, der des deutschen Filmpioniers Max Skladanowsky. Eine Hommage an Langs "Metropolis". Und ein Nachbau der Garderobe, die Marlene Dietrich während ihrer Arbeit am "Blauen Engel" bewohnte. Schon das Foyer ist wie ein Set ausgestattet: In der Mitte steht ein glamouröses, silbern glitzerndes Rundsofa, leicht erhöht und von vier Säulen umgeben, die mit filmhistorischen Raritäten geschmückt sind: mit kunstvollen Filmprogrammen und Premiereneinladungen, mit bunten Plakaten und wunderschönen Kohlezeichnungen für F. W. Murnaus "Letzten Mann".

Was man auch sehet und entdecken kann: den ersten Oscar der Filmgeschichte, den Emil Jannings 1928 für seine Darstellung in Flemings "The Way of All Flesh" und Sternbergs "The Last Command" erhielt. Briefe von Max Ophüls und William Dieterle. Ein Gedicht von Bertolt Brecht für Fritz lang. Langs Reisepaß, mit dem er im März 1933 Nazi-Deutschland verließ. Und Maria Schells Drehbuch für Siodmaks "Ratten", in dem sie ihre persönlichen Korrekturen notierte; in dem sie den schlichten Satz: "der einzige, der es verstehen könnte" in einen kunstvollen Jargon übertrug: in "der einzige, wo kann verstehen". Die vielleicht größte, weil einfachste Attraktion geht beinahe unter: die Demonstration, wie ein Malteserkreuz funktioniert, jenes "kleine Ding", ohne das es die ganze Filmgeschichte nicht gäbe, jenes kleine Ding, das 24mal in der Sekunde den Film einen Ruck weiterzieht, die Drehbewegung also in eine Zugbewegung umsetzt. In einer entlegenen Vitrine kann man sich diese Demonstration in aller Ruhe anschauen – und staunen.

Vor dem Ausstellungsgelände steht in einem großen Glaskasten direkt an der Straße eine Kamera, ein Spiegel mit einem kleinen, rechteckigen Loch und ein kleines Modell des Molochs aus Langs "Metropolis". Die Technik des Eugen Schüfftan, des "Meisters und Patriarchen der frühen Kamera-Operateure", wie Max Ophüls ihn einmal nannte, sein wundersamer Trick der bildlichen Integration wird hier demonstriert. Aber auch: Wie sehr schon Illusionen genügen, um eine andere Wirklichkeit zu suggerieren.

Auf einem übergroßen Monitor im Foyer sieht man eine andere Wirklichkeit: den Moloch, nun bildfüllend, und die Eingangstüren des "Esplanade", die in seinem Maul auf- und zupendeln. Durch diese Türen muß jeder gehen, der die Ausstellung besuchen will. Jeder sieht so sich selbst. Und auch: Wie schnell er – als Akteur der Illusion – Teil einer fremden, irrealen Welt werden kann.

Hinter der Schüfftan-Technik verbirgt sich ein Spiegeltrick, der 1926 erstmals angewendet wurde: in Langs "Metropolis". Zwei Bilder verschmelzen ineinander und ergänzen sich gegenseitig. Wenn das gebaute und bemalte Modell mit einem authentischen, bewegten Objekt kombiniert ist, wirkt das ganze wie ein wirkliches Abbild: Durch die tatsächliche Bewegung akzeptiert man auch die simulierte Größe.