Von Robert Gerald Livingston

Washington, im Juni

Weit besser als Bitburg, einer der Schauplätze des letzten Deutschlandbesuches Präsident Reagans, eignet sich Berlin für die Absichten der gegenwärtigen amerikanischen Regierung: Das Brandenburger Tor und die Mauer bieten für die TV-Berater und Redenschreiber des Präsidenten die richtige Kulisse, die bildliche Verdeutlichung einer klaren Trennung zwischen Demokratie und Kommunismus, Freiheit und Unterdrückung – und das sind ja nach wie vor die belebenden Kräfte von Reagans Außenpolitik.

Die amerikanische Regierung muß dem eigenen Volk diese Unterschiede klarmachen, ganz besonders jetzt, da sie – verkehrte Welt – mit Macht ein Atomwaffenabkommen mit dem kommunistischen Gegner anstrebt. Sie muß, auch und gerade angesichts eines wachsenden Widerstands im eigenen Land, beweisen, daß sie noch immer die europäischen Verbündeten führt – sei es zu einem Abkommen mit Moskau, sei es in der Verteidigung westlicher Stellungen in Berlin. Wenn der konservative amerikanische Präsident dies mit seiner Rede an der Mauer dem Fernsehpublikum zu Hause illustriert, wird es ihm sehr lieb sein, den konservativen deutschen Bundeskanzler an seiner Seite zu wissen.

Die Rede Reagans in Berlin wird den deutschamerikanischen Widerstand gegen den Druck aus Moskau (zur Zeit der Blockade und der Luftbrücke) in Erinnerung rufen. Insbesondere einer Generation, die vergessen hat, daß der Antikommunismus einst das entscheidende Bindeglied zwischen den westdeutschen und den amerikanischen Regierungen war, ein „Bündnismotiv“, das Truman und Eisenhower in den vierziger und fünfziger Jahren, die Zustimmung der Amerikaner zu dem dramatischsten Bündniswechsel unserer Geschichte gesichert hat.

In den folgenden zwei Jahrzehnten galt in Washington kein anderes europäisches Land als eine so feste antikommunistische Burg wie die Bundesrepublik. Darauf gründet bis heute die Politik des Weißen Hauses – in viel stärkerem Maße übrigens, als es den meisten Deutschen bewußt ist.

Aus diesem Grund unterdrückte die Reagan-Regierung bereitwillig ihre Verbitterung über die zögernde Unterstützung der von Washington favorisierten doppelten Null-Lösung durch die Kohl-Regierung. Es gibt im Weißen Haus sogar eine stille Bewunderung dafür, daß die Westdeutschen angesichts sowjetischer Lockungen etwas Rückgrat zeigen.