Dabei scheinen nichtspezifische aktivierende Systeme, welche die Aufmerksamkeit eines Lebewesens steuern, eine zentrale Rolle zu spielen. Nur, bedauert Merzenich, ergäben diese ein äußerst komplexes Bild. Mindestens acht unterschiedliche aktivierende Systeme sind mittlerweile ausgemacht, die, ausgehend von stammesgeschichtlich alten Bereichen tief im Gehirn, die Vorgänge in der Großhirnrinde entscheidend beeinflussen können. Fast überflüssig zu erwähnen, daß das Zusammenspiel dieser Systeme kaum untersucht ist.

Eines aber schält sich immer mehr heraus: Die plastischen Veränderungen scheinen bei erwachsenen Tieren – und beim Menschen? – ganz ähnlichen Regeln zu folgen wie bei der Entwicklung des Gehirns, wenn sich die Hirnstrukturen in einem feinen Zusammenspiel zwischen vorprogrammierten Anweisungen und Informationen aus der Innen- und Außenwelt an die Erfordernisse der jeweiligen Lebenswelt anpassen.

Wird unser Gehirn also von der Wiege bis zum Grab ständig umarrangiert, umgewichtet? Wenn sich so viele Gebiete im Gehirn wandeln, was passiert dann mit den Arealen, mit denen sie in enger Verbindung stehen? "Wo hört die Plastizität auf?" fragte leicht irritiert einer der Teilnehmer des Dahlem-Workshops. Und Nobel-Preisträger Torsten Wiesel, der sich um die Aufklärung der (statischen) Struktur des Sehsystems verdient gemacht hat, versicherte sich und anderen: "Gleichzeitig bin ich immer noch sehr beeindruckt von der Stabilität des Systems." Zeichnung aus "Gehirn und Nervensystem", Spektrum der Wissenschaft, Heidelberg