Unter der Auflage eines Buches versteht man die Menge der verkauften Exemplare. Wie viele das sind, muß der Verleger wissen, dessen Geschäft davon abhängt, muß der Autor wissen, dessen Existenz davon abhängt. Aber der Leser? Der geht in den Laden und kauft das Buch und liest es. Sein Lesevergnügen richtet sich nicht nach der Auflage. Ob er hundert oder hunderttausend Mitleser hat, kann ihm gleichgültig sein.

Könnte. Denn die Möglichkeiten des Verlegers, Bücher machen, die Chancen des Autors, Bücher veröffentlichen zu können, sind folgenreich auch für den Leser. Außerdem möchte er vielleicht doch ganz gerne erfahren, ob das Buch, das er mag, auch andere mögen und wie viele das sind. Die einzige, wenn auch nicht sehr verläßliche Auskunft darüber gibt die Auflage. Sie verrät schließlich auch, wie es um die Chancen der Literatur und um den literarischen Geschmack bestellt ist.

Sehen wir also an einigen Beispielen, was aus den literarischen Titeln der vergangenen Saison geworden ist. Gefragt wurden ausschließlich Literaturverlage, und von denen lediglich acht der wichtigsten (was nicht heißt, daß diese acht die wichtigsten wären): Diogenes (Zürich), Fischer (Frankfurt), Hanser (München), Kiepenheuer & Witsch (Köln), Luchterhand (Darmstadt), Piper (München), Rowohlt (Hamburg) und Suhrkamp (Frankfurt).

Lyrik hat’s am schwersten

Von Michael Krüger, Geschäftsführer bei Hanser, hört man einen sozusagen optimistischen Klageton. Gute Literatur habe es schwer, Lyrik am schwersten. Die Gedichte des Polen Tadeusz Rozewicz "Überblendungen", in diesem Frühjahr erschienen: 350 Exemplare. Die Gedichte von Heinz Czechowski aus der DDR "An Freund und Feind", bereits 1983 erschienen: 300 Exemplare. Ein reines Verlustgeschäft, das weiß man vorher. Und dennoch ist Krüger jedesmal von neuem enttäuscht. Er schwelgt in düsteren Zahlen. Die verdienstvolle Gombrowicz-Ausgabe, in der jetzt der Roman "Trans-Atlantik" erschienen ist: 3000 Exemplare. "7000 müßten es sein", sagt Krüger, "wenn wir keinen Verlust machen sollen." Es muß ja noch zusätzlich der Übersetzer bezahlt werden. Der von Hanser in Deutschland bekanntgemachte Schwede Per Olov Enquist: die ersten beiden Romane je 2500 Exemplare; der jetzt erschienene "Gestürzter Engel": immerhin 5000, aber noch zu wenig. Der neue Roman des Südtirolers Joseph Zoderer "Dauerhaftes Morgenrot": 5000. Das dürfte so gerade zwischen Gewinn und Verlust liegen.

Ist wirklich nicht mehr drin? Na ja, Krüger gibt zu, daß die Geschäfte nicht schlecht gehen. Botho Strauß’ "Niemand anderes": 15 000. Aber wenn man an die Strauß-Debatten in den Medien denke, sei das nicht gewaltig. Er erzählt: "Über ‚Leviathan‘ von Julien Green sind 60 bis 70 begeisterte Rezensionen erschienen, alle großen Zeitungen haben darüber geschrieben und was haben wir verkauft? Genau 10 000." Die beiden letzten Bücher des berühmten Amerikaners Philip Roth: 7000. Der neue Roman des Nobelpreisträgers Isaac B. Singer "Der Büßer": 8000. Damit kommt man auf keinen grünen Zweig. Aber Michael Krüger gibt nicht ohne Stolz zu: Der Verlag kommt ganz gut über die Runden. Hat er doch in den letzten Jahren Glück gehabt mit seinen ausländischen Autoren. Mit Italo Calvino und Milan Kundera zum Beispiel. Und selbst Lars Gustafsson, dessen Bücher früher nur schwer verkäuflich waren, hat mit seinem jüngsten Roman "Die dritte Rochade des Bernhard Foy" die Schallmauer der seriösen Literatur durchbrochen: 21 000. Und dann natürlich "Der Name der Rose" von Umberto Eco: mehr als eine halbe Million. "Der hat viele Rechnungen bezahlt", sagt Krüger.

Gottfried Honnefelder, Geschäftsführer bei Suhrkamp, findet die Frage nach Auflagenzahlen eine Spur indiskret. Kein Verlag gebe gerne Mißerfolge zu, und zu oft würden Zahlen beschönigt. So nennt er denn auch am liebsten die halbwegs erfolgreichen Titel. Die Liebesgeschichten von Adolf Muschg "Der Turmhahn": etwa 10 000. "Aber", sagt Honnefelder, "das meiste davon verkauft sich in der Schweiz, in Deutschland verkaufen wir einen Hauch davon." (Muschg ist in der Schweiz fast eine nationale Größe.) Jurek Beckers Roman "Bronsteins Kinder": 32 000. Martin Walsers Erzählung "Dorle und Wolf": 30 000. "Aber", sagt er, "für Walser ist das wenig." Dieter Kühns Übersetzung des "Parzifal": 30 000.

Gut, gut. Und die jüngeren, weniger bekannten Autoren? Ulla Berkéwicz zum Beispiel? Honnefelders Stimme klingt etwas gedämpft: 2000 bis 4000. Was bedeutet, daß die dritte Erzählung "Adam" wohl eher bei 2000 liegt. Und woraus man schließen kann, daß die Lyrik-Bände von Friederike Roth oder Ralf Rothmann so um die 1000 pendeln. Suhrkamp, obwohl ein großer Name, der die Buchhändler gnädig stimmt, hat dieselben Probleme wie andere Literaturverlage auch. Und auch Suhrkamp hat seinen Eco, der heißt "Das Geisterhaus" von Isabel Allende: 500 000. Diese Zahl nenne er ungern, sagt Honnefelder. Weil sie so hoch ist.

Ulrich Fritz, Verkaufschef bei S. Fischer, ist auskunftswillig. Zahlen? "Gerne", sagt er, "warten Sie einen Augenblick, ich hole mir die EDV-Liste her. Was möchten Sie wissen?" Bobby Ann Mason. Ich lese gerade den Roman "Geboren in Amerika", der mir gut gefällt. "Das ist ein schöner Erfolg: 3584." Da staune ich ein bißchen. Über solche Zahlen wird andernorts geklagt. "Wissen Sie, einen Autor durchzusetzen, das dauert lange. Masons Erzählungen von 1984 hatten nur 2452. Es geht aufwärts. Bei Jayne Anne Philips war das genauso: das erste Buch 1500, das zweite, der Roman ‚Maschinenträume‘: 5400. Nadine Gordimer: von den ersten Büchern haben wir auch nur wenige tausend verkauft. Heute bringt ein Gordimer-Roman 20 000 bis 25 000 Stück."

Was ist mit Sam Shepard? Alle reden von ihm, er schrieb das Drehbuch zu dem Wenders-Film "Paris, Texas", er ist ein bekannter Schauspieler, sein Stück "Fool for Love" wird an deutschen Bühnen gespielt. Jetzt hat Fischer den Lyrik-Band "Habichtsmond" veröffentlicht. Verkauf: unter tausend. Das findet auch Fritz enttäuschend. Hilde Domins "Gesammelte Gedichte": 1400. Aber Rose Ausländer: 2000. Das ist schon viel. Gerhard Köpfs Roman "Die Erbengemeinschaft": 3700. Evelyn Schlags Erzählung "Die Kränkung": gegen 10 000. "Ein Bestseller", sagt Fritz. Und was ist mit den großen Namen des Verlags, zum Beispiel mit der Horkheimer-Ausgabe? "Zäh, zäh, unter tausend. Ein Buchhändler sagte mir: ‚Die kritische Theorie ist kein Thema mehr.‘" Um so besser geht es mit der Mann-Familie. Golo Manns "Erinnerungen und Gedanken": 120 000. Thomas Manns Tagebücher, obwohl der Band 98 Mark kostet: 8000. Fritz zieht das Resümee: "Der Umsatz im Buchhandel steigt, aber wir literarischen Verlage haben alle dieselbe Zielgruppe, und die wird eher kleiner."

Bei Kiepenheuer & Witsch ist der Chef auf Urlaub, aber die Presseabteilung verspricht, die gewünschten Zahlen zu schicken. Drei Tage später ist die Liste da: Joachim Lottmanns erster Roman "Mai, Juni, Juli": 3500. Paul Kerstens Erzählung "Briefe eines Menschenfressers": 2400. Keto von Waberers Roman "Blaue Wasser für eine Schlacht": 3500. Michael Schneiders Erzählungen "Traumfalle": 3200. Wolf Biermanns Lieder und Gedichte: 5600. Der Roman "Grande Sertâo" des Brasilianers Joâo Guimarâes Rosa: 3500. Der Prosa-Band "Mouroir" des Südafrikaners Breyten Breytenbach: 3000. Die üblichen schwierigen Zahlen, die einen Verlag weder sterben noch leben lassen. Aber zum Leben reicht dies: Gabriel García Márquez 160 000. John le Carré 140 000. Versteht sich, daß auch Kiepenheuer & Witsch seine Allende hat, und die heißt Wallraff. Dessen Auflage ist so hoch, daß man sie schon gar nicht mehr nennen kann.

Hans Altenhein, Verlagschef bei Luchterhand, klingt reserviert und besorgt. Zahlen zu nennen sei schwierig, leicht könne man den einen Autor kränken, bei einem anderen Neid hervorrufen. "Bei bestimmten Büchern wissen wir von vornherein, daß sie nicht gehen. Wir kalkulieren den Verlust mit ein." Altenhein hält einen kleinen Exkurs über die Literaturkritiker, die immerzu Risikobereitschaft einklagten. "Das sind Rufe aus der Westkurve", sagt Altenhein. Wenn diese Leute nur wüßten, wie schwer es manchmal sei. Da habe man zum Beispiel den Gedichtband "Rostregen" des Rumäniendeutschen Richard Wagner gemacht und erwartungsgemäß nur ein paar hundert Stück verkauft. "Dann gelang Wagner die Ausreise in den Westen, er trat mehrmals im Fernsehen auf, die Zeitungen schrieben über ihn, und was haben wir seitdem verkauft? Genau 93 Exemplare." Da weiß ich auch keinen Rat.

Um erfreulicheres Gelände zu betreten, frage ich nach Peter Schneiders "Vati", jener Erzählung, der vom Spiegel der haltlose Vorwurf des Plagiats gemacht wurde. Es gab Debatten in allen Zeitungen und eine überfüllte Veranstaltung im Literaturhaus Berlin. Auflage? 6000. Auch dies offenbar eine Illusion: daß Debatten die Leser in die Buchhandlungen trieben. "Wir sind ein hochsensibler Verlag", sagt Altenhein, und er meint damit: Die Literatur, die Luchterhand immer wieder riskiert, hat es schwer. Beispiel: Die erste Erzählung von Anna Rheinsberg "Marthe und Ruth": 1750. Und selbst Peter Härtlings Gedichtband "Die Mörsinger Pappel" verkauft sich nicht berauschend. Härtling, sonst ein Autor von Bestsellern. "Wenn Härtling mit Gedichten zu mir kommt, dann blicken wir beide uns tief in die Augen und wissen Bescheid. Aber ich will nicht behaupten, daß wir Geld daran verlieren." Die Auflagen seien nicht kleiner geworden, verglichen mit früheren Jahren, aber die Bedingungen hätten sich geändert, und heute sei es ungleich aufwendiger, ein Buch durchzusetzen. "Das Verlagsgeschäft ist ein durch und durch unseriöses Gewerbe", sagt Altenhein, "aber ich beklage mich nicht." Von der "Rättin" des Günter Grass hat der Verlag 110 000 Stück verkauft. Von Christa Wolfs Tschernobyl-Erzählung "Störfall" 175 000.

Michael Naumann, Verlagsleiter bei Rowohlt, hält die immer noch verbreitete Vorstellung, man könne mit einem Verlag reich werden, für grotesk. Wir reden über die ausländischen Autoren, eine Spezialität von Rowohlt. John Updike, Wil-Miam Kennedy, E. L. Doctorow, Vladimir Nabokov: in der ganzen Welt sind sie berühmt, und jeder denkt, Rowohlt müsse damit viel Geld machen. Von Nabokov verkauft man zwischen 2000 und 4000. Einzige Ausnahme: "Lolita" mit über 100 000. Von Updike zwischen 7000 und 10 000. Ausnahme: der Roman "Ehepaare" mit 52 000 und die jetzt erschienenen Erzählungen mit 2275. Doctorows Roman "Weltausstellung": bislang 1600, aber das kann noch besser werden, denn das Buch wurde gerade erst ausgeliefert. Gisela Eisners neuester Roman "Das Windei": 2700. William Kennedys Roman "Druck": 1800. Johanno Strassers Roman "Der Klang der Fanfare": 3600. Und José Saramagos Roman "Das Memorial": 6000. Das ist schon ein richtiger Erfolg.

Die Autoren – immer enttäuscht

Im übrigen lebt Rowohlt nicht von der Literatur allein. Man hat ein reiches Sachbuchprogramm, und Sachbücher haben den Vorzug, daß sie noch nach Jahren verlangt werden, während Literatur oft vom Wechsel der Saison verschlungen wird.

Der Juniorchef Ernst Reinhard Piper bestätigt: "Gedichte sind heikel. Die einzigen, die bei uns gut gehen, sind Pasolini und Ingeborg Bachmann." Gert Heidenreichs Gedichte "Eisenväter": um die 1000. Manfred Seilers erster Roman "Die Gottesanbeterin": 5000. Die Gedichte von Marian Sorescu (1985): 400. Der Roman "Die heiligen Narren" von Miguel Delibes: 2000. "Eine Enttäuschung", sagt Piper, "aber mich interessieren die Autoren. Und, solange wir finanziell durchkommen ... Die Autoren sind natürlich immer enttäuscht." Er beklagt das "Schubladendenken" des Buchhandels. "Für den sind Romane gut, Erzählungen und Gedichte schlecht."

Daniel Keel, Chef des Diogenes-Verlags, nennt Erfolgsmeldungen. Patrick Süskinds Roman "Das Parfüm": weit über eine halbe Million. Seine neueste Erzählung "Die Taube": 100 000. Patricia Highsmith’ "Elsie’s Lebenslust": 80 000. Dürrenmatts Roman "Justiz": 110 000. Auch die neueren Autoren gehen blendend: Erich Hackls "Auroras Anlaß": 20 000. Alison Luries "Liebe und Freundschaft": 20 000. Luciano de Crescenzos "oi dialogoi": 50 000. Philippe Dijans "Betty blue": 40 000. Aber zwischen diesen unglaublichen Zahle, die sich Keel scheinbar widerwillig abringt, schimpft er über die deutschen Kritiker, die deutschen Feuilletons: "Es wird fast alles runtergemacht. Die Feuilletons sind lebensfeindlich, ein einziges Provinzkarussell." Er betont, wie schwer der Verlag es anfangs gehabt habe. "Seit ein paar Jahren geht es besser." Aber die Kritiker! Er höhnt und spottet, Bitternis liegt in seiner Stimme. Verleger, denke ich mir, haben es nicht leicht. Entweder sind die Leser zu blöde oder die Kritiker.

Hoffen auf die Überraschung

Zahlenspiele. Was lernen wir daraus? Alles und nichts, aber dieses vielleicht doch: Die Schar der literarisch interessierten Leser ist äußerst begrenzt. Die Zahlen der Verlage sind überraschend ähnlich. Lyrik hat maximal tausend Käufer, neue Romane um die fünftausend. Das lohnt sich für keinen Verlag. Aber die Verlage rechnen mit Überraschungen: daß nämlich plötzlich einer über 10 000 kommt. Und sie kalkulieren mit ihren Bestsellern. Mit den Großen finanzieren sie die Kleinen, damit sie vielleicht groß werden. Das Gewerbe ist deshalb "unseriös", wie Altenhein sagt, weil man den Bedarf an Schuhen und Kühlschränken ungefähr ausrechnen kann, den an Literatur aber nicht. Der Hersteller eines Kühlschranks kann genau bestimmen, wie der Kühlschrank aussehen soll. Der Verleger aber kann nur drucken, was die Autoren ihm liefern. Und wenn es keiner haben will?

Ein Zahlenspiel: Nehmen wir an, ein bekannter Schriftsteller brauchte für sich und seine Familie im Jahr 75 000 Mark. Das ist nicht so schrecklich viel, denn anders als der normale Angestellte muß er alles selber bezahlen: die Krankenkasse, die Rente, die Versicherungen, die Kosten für seinen Arbeitsplatz. Der Autor, nehmen wir weiter an, schreibe in der Regel Romane, die um die 25 Mark kosten. Dafür kriegt er pro Stück 2,50 Mark. Von diesen Romanen müßten jährlich 30 000 Stück verkauft werden, damit der Autor seinen Lebensstandard halten kann. Aber es gibt ja noch die Nebenrechte, die Literaturpreise und die Stipendien, die Lesungen und die Vorträge. Irgendwie schafft der Autor das schon. Aber die meisten schaffen es nicht.

Ein letztes Zahlenspiel. Nehmen wir an, der Roman eines jüngeren Autors werde zustimmend bis enthusiastisch in folgenden Zeitungen rezensiert: im Spiegel, in der ZEIT, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in der Süddeutschen Zeitung. Die haben zusammengenommen eine Auflage von 2,1 Millionen. Rechnen wir, jedes Exemplar werde von mindestens zwei Lesern gelesen, dann kommen wir auf abgerundet vier Millionen. Rechnen wir weiterhin, daß die Feuilletons von 15 Prozent der Leser gelesen werden, dann kommen wir auf 600 000 Leser dieser Rezension. deshalb aber kaufen nur 6000 das Buch? Waren die Leser mit der Lektüre der Kritiken so zufrieden, daß sie kein Bedürfnis mehr verspürten, den Roman zu lesen? Oder hätte der Verlag, wären keine Kritiken erschienen, überhaupt nichts verkauft? Wir werden die Antwort darauf nie wissen. Und das ist gut so.